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On the Road

2024 SPRING

Ein Ort, an dem sich gut leben lässt

Yecheon, Provinz Gyeongsangbuk-do, liegt abgelegen inmitten einer gebirgigen Landschaft, durch die sich kurvenreich der Fluss Nakdong-gang zieht. Eines seiner Dörfer zählt zu den Sipseungjiji, den rund zehn Zufluchtsorten, die während der Joseon-Zeit (1392–1910) Schutz vor Krieg und gesellschaftlichen Unruhen boten. Überall in Yecheon lassen sich dank seines Naturreichtums und dem von den Vorfahren gelebten Gemeinschaftssinn Wurzeln der traditionellen Schönheit Koreas finden.
Yecheon

ⓒ KOREA TOURISM ORGANIZATION


Zur Erkundung der geografischen Besonderheiten Yecheons sollte man sich als erstes auf die Aussichtsplattform in Hoeryongpo (Drachenstrom) in unmittelbarer Nähe zum Tempel Jangan-sa begeben. Von hier oben aus schweift der Blick über den Naeseong-cheon, einen Nebenfluss des längsten Flusses Südkoreas Nakdong-gang, der an dieser Stelle in kurzer Abfolge zwei 180-Grad-Krümmungen beschreibt, was an das Bild eines sich in die Luft erhebenden Drachens erinnert.

Am Knotenpunkt eines Logistiknetzwerkes

Von Hoeryongpo aus etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernt ist das traditionelle Wirtshaus Samgang Jumak gelegen. Hier treffen drei Ströme aufeinander: der Naeseong-cheon aus Hoeryongpo, aus dem Norden der Fluss Geum-cheon und der Nakdong-gang aus dem Osten.

Logistikrouten von heute sind Autobahnen, Schienennetze und Flugverkehrswege, doch bis zu Beginn des 20. Jhs. waren es v. a. Wasserstraßen, die diese Aufgabe übernahmen. Holzfähren oder Flöße boten im Vergleich zu Karren oder Rucksäcken mehr Fläche und konnten daher auch größere und schwerere Fracht relativ einfach transportieren. Verhinderte eine zu geringe Wassertiefe das Weiterkommen, standen alternativ Landwege am sanft ansteigenden Ufer zur Verfügung.

Viele der alten koreanischen Städte tragen am Ende ihres Namens das Schriftzeichen „-ju (州)“. Es zeigt einen Fluss (巛 oder 川) mit Inseln, und wurde durch Bedeutungserweiterung auch in den Namen der Dörfer und Städte verwendet. So wie in anderen Ländern neigte man auch in Korea zum Bau von Städten am Ufer von Flüssen, die als ein wichtiger Faktor zu deren Entwicklung beitrugen.

Dass Yecheon keine Ausnahme darstellt, zeigt das Samgang Jumak. Noch bis 1900 diente die Gaststätte als Restaurant und Unterkunft an dem äußerst betriebsamen Logistik-Knotenpunkt, den täglich mehr als 30 Fähren frequentierten. 1934 überschwemmte eine große Flut jedoch sämtliche Gebäude der Umgebung, nur das Samgang Jumak und ein über 500 Jahre alter Sachalin-Spindelbaum blieben als Zeugen längst vergangener Tage erhalten. Dank der neu errichteten Gaststätte gleich neben dem alten Samgang Jumak lässt sich aber auch heute noch von Baechujeon (Kohlpfannkuchen) und Makgeolli (fermentierten Reiswein), der typischen Verpflegung für Reisende von damals, kosten.

Samgang Jumak

Samgang Jumak, das Folklore-Kulturerbe Nr. 134 der Provinz Gyeongsangbuk-do. Dieses traditionelle Wirtshaus bot vor Jahrhunderten Hausierern und Schiffern Unterkunft und Verpflegung.
© Shin Jung-sik

traditionellem Volksspiel

Ein Kind auf dem Samgang Jumak Fährenfestival, eines der repräsentativen Festivals von Yecheon, vergnügt sich mit einem traditionellem Volksspiel.
© Kreis Yecheon-gun

Ein gutes Dorf zum Leben

Die meisten Sipseungjiji, die das traditionelle koreanische Ideal eines guten Lebensstandortes erfüllen, liegen in abgelegenen Talgebieten tief im Inneren des Landes. Dennoch ist der Boden fruchtbar, und es gibt gut ausgebaute Logistiknetzwerke, so dass es sich im Wohlstand leben ließ. Auch in Yecheon gibt es ein Dorf, das als eins von Sipseungjiji galt.

Es ist das Dorf Geumdangsil, etwa 40 Minuten mit dem Auto vom Samgang Jumak entfernt. Die überall in der Umgebung verstreut liegenden Dolmen aus der Bronzezeit lassen erahnen, wie sehr dieser Ort die Menschen schon vor langer Zeit angezogen haben muss. Heute ziert das Dorf eine Vielzahl an traditionellen Hanok-Häusern, die ein rund 7 Km langes, weit verzweigtes Netz von Straßen mit Steinmauern miteinander verbindet.

Ein gemächlicher Spaziergang durch Geumdangsil macht schnell deutlich, warum es sich hier um eins der zehn Sipseungjiji-Dörfer handelt. Im Norden erhebt sich das Sobaek-Gebirge, und weitläufige Reisfelder umgeben den Ort. Die Lage des Dorfes hatte logistische Vorteile, aber es befand sich abseits wichtiger Großstadt-Routen und hatte daher offenbar geringere militärische Bedeutung. Die geografischen Voraussetzungen sind bestens geeignet für ein Leben in Wohlstand und Frieden.

Der Kiefernwald nordwestlich des Dorfes steht beispielhaft für die Bemühungen der Bewohner, für Sicherheit zu sorgen. Es sind 900 Kiefern auf einer Fläche in der Länge von 800 Metern, die in Gemeinschaftsarbeit aufgeforstet wurden, um Flutschäden des Flusses Geumdang-cheon vorzubeugen. An den 100 bis 200 Jahre alten Bäumen lässt sich die historische Bedeutung des Waldes erahnen, weshalb er als Naturdenkmal ausgewiesen und unter Schutz gestellt wurde.

Im Frühling empfiehlt sich neben dem Kiefernwald v. a. der rund 7 km lange Weg zum Tempel Yongmun-sa voll blühender Kirschbäume. Besucht man das Dorf Geumdangsil, sollte man genug Zeit einplanen, denn was könnte es Schöneres geben als die Übernachtung in einem Hanok sowie Spaziergänge inmitten von Kiefern und unter Kirschblüten?

Allerdings sollte man nicht etwa denken, dass die Dorfbewohner zufrieden mit dem Gegebenen einfach ein Leben im Müßiggang gelebt hätten. Das Beispiel des Kiefernwaldes zeigt ihr fleißiges Ankämpfen gegen die Herausforderungen der Natur. Darüber hinaus sorgten sie auch für kulturelle Entwicklungen, wie sich etwa am Beispiel des am Kirschblüten-Weg gelegenen Pavillons Choganjeong zeigt

Traditionelle Häuser aus der Joseon-Zeit

Das Dorf Geumdangsil. Traditionelle Häuser aus der Joseon-Zeit, umgeben von labyrinthartig verzweigten Steinmauern, wahren noch immer ihre ursprüngliche Gestalt. Zu weiteren Attraktionen gehören Dolmen aus der Bronzezeit, die vielerorts verstreut herumliegen, und ein Kiefernwald, der als Naturdenkmal Nr. 469 unter Schutz gestellt ist.
© Kreis Yecheon-gun

Kultur in der reichen Natur

Der Erbauer des Choganjeong war Gwon Mun-hae (1534–1591), ein Gelehrter und Beamter des Joseon-Reiches, dessen Beiname Chogan war. Der Pavillon wurde so auf einem senkrecht aufstrebenden Felsen im Tal errichtet, dass er sich vollkommen natürlich in die Umgebung integriert. Eine mysteriöse Aura geht von ihm aus, die noch intensiviert wird, wenn die großen Temperaturunterschiede im Frühling Wassernebel aufsteigen lassen. Dann fühlt es sich fast so an, als wäre man in eine daoistischen Mythenwelt versetzt worden.

Die äußere Schönheit ist jedoch nicht das einzig Besondere an dem Pavillon Choganjeong. So diente er Gwon Mun-hae auch als Arbeitszimmer, wo er das Daedongunbugunok, die erste Enzyklopädie Koreas, verfasste. Das Nachschlagewerk enthält umfangreiches Wissen über Geschichte, Geografie, Persönlichkeiten, Tiere und Pflanzen sowie Mythen und besteht aus 20 Gwon und 20 Chaek. Mit „Gwon“ wurden in alten Büchern Themenschwerpunkte in Kapitel gegliedert und „Chaek“ bezeichnet die Anzahl der Bände. Daher besteht das Daedongunbugunok aus 20 Bänden, in denen insgesamt 20 Themen behandelt werden.

Gwon Byeol (1589–1671), Sohn von Gwon Mun-hae, nutzte ebenfalls den Choganjeong zum Arbeiten und schrieb das Haedongjamnok, eine Sammlung überlieferter Geschichten in Form eines Personenlexikons, für die er aus dem Daedongunbugunok Geschichten von Regierungsbeamten auswählte. Mitte des 19. Jhs. wurde hier von Bae Sang-hyeon (1814–1884) das Dongguksipji mit Sachinformationen über Strafrecht, Reis- und Ackerfelder und Geografie sowie das Dongguktongji von Bak Ju-jong (1813–1887), das die traditionelle Kultur des Joseon-Reiches in 14 Kategorien vorstellt, verfasst.

Wie man sieht, ist Yecheon der Geburtsort vieler Enzyklopädien. Die ansässigen Edelleute sahen in dem Überfluss der Gegend nicht nur das Vergnügen, sondern bemühten sich erfolgreich, auf dieser Grundlage Wissen und Know-how an andere sowie an zukünftige Generationen weiterzugeben.

Choganjeong

Der Choganjeong, ein archetypischer Pavillon der Joseon-Zeit, befindet sich an der Biegung eines kleinen Wasserlaufes und in friedlicher Harmonie mit der umgebenden Natur.
© Kreis Yecheon-gun



Solidarität in der Gemeinschaft

In Yecheon gibt es ungewöhnliche Landbesitzer: Das sind die zwei Bäume Seoksongnyeong, eine riesige Kiefer mit Ästen, die sich in Ost-West-Richtung 23 m und in Nord-Süd-Richtung 30 m erstrecken, und einen Zürgelbaum im ähnlichen Format namens Hwangmokgeun.

vDie über 600 Jahre alte Kiefer Seoksongnyeong ist der erste Baum Koreas, der Eigentum besitzt. Und das kam so: Es gab einen Mann mit Namen Yi Su-mok, der kinderlos blieb. Da ein Erbe seines 6.600 m2 großen Grundstückes fehlte, meldete er 1927 als neuen Besitzer diese Kiefer an und nannte sie Seoksongnyeong (wunderliche Kiefer).

Aber er hätte sein Vermögen an Verwandte oder Nachbarn vererben können. Warum hatte er nur diese Entscheidung getroffen? Die Antwort ist so einfach wie genial: Für das Pachten des Grundstückes mussten Einzelpersonen und Organisationen regelmäßig Miete zahlen. Und diese Miete konnte dann zur Bereitstellung von Stipendien für Schüler und Studenten im Dorf verwendet werden. Vielleicht hatte Yi Su-mok vermeiden wollen, dass die Weitergabe an eine bestimmte Person Zwistigkeiten hervorruft. Bestimmt hätte er auch gewollt, dass die Dorfbewohner den Baum und das Grundstück gemeinsam pflegen und den daraus resultierenden Gewinn für den gemeinsamen Wohlstand einsetzen.

Was er wirklich im Sinn gehabt hatte, können wir nicht genau wissen. Tatsache ist, dass sich die Dorfbewohner auch ein Jahrhundert später noch immer liebevoll um den Seoksongnyeong kümmern, indem sie herabhängende Äste mit Steinen stützen, im Winter Schnee von den Ästen fegen, und sogar einen Blitzableiter installierten. Schließlich war es der Seoksongnyeong, der Dutzenden von jungen Menschen ihren Schul- und Studienabschluss ermöglichte und es auch heute noch tut.

Der eine halbe Stunde Autofahrt entfernt stehende Baum Hwangmokgeun ist ein ähnlicher Fall. Dieser Zürgelbaum, der deshalb Hwangmokgeun genannt wurde, weil er im Mai stets gelbe Blüten trägt, besitzt mit 13.620 m2 ein doppelt so großes Grundstück wie der Baum Seoksongnyeong. Allerdings hatte das Grundstück keiner Einzelperson gehört. Es war das gemeinsame Eigentum des Dorfes gewesen, bevor es 1939 dem Zürgelbaum übertragen wurde. Auch hier entsteht durch die erhobene Miete ein Gewinn, aus dem an die Mittelschüler des Dorfes jeweils etwa 300.000 Won im Jahr als Stipendium überreicht werden.

Im Dorf Geumwon, wo dieser Baum steht, häufte man laut Aufzeichnungen seit bereits rund 100 Jahren ein gemeinsames Dorfvermögen an, indem jede Familie vor dem Reiskochen einen Löffel Reiskörner beiseitelegte und den so gesammelten Reis spendete. Dies steht z. B. im Sitzungsprotokoll der Geumwon Gyean (Genossenschaft des Dorfes Gemwon) aus dem Jahr 1903 und im Vorstandsprotokoll der Jeochukgujo Gyean (Spar- und Rettungsgenossenschaft) von 1925. Daran lässt sich die Weisheit der Dorfbewohner erkennen, die bereits vor langer Zeit Maßnahmen ergriffen, um Schwierigkeiten zu überwinden, von denen ein jeder von ihnen betroffen sein könnte.

Seoksongnyeong

Die große Kiefer Seoksongnyeong gilt als Hüterin des Wohlstandes und des Friedens im Dorf. Sie besitzt eine ungewöhnliche Gestalt mit zur Seite ausgestreckten Ästen, die dreimal so lang sind wie ihre Höhe und daher von Stein- und Metallpfählen gestützt werden.
© Kwon Ki-bong



Ein wahrhaftes Sipseungjiji-Dorf

Die Kunst, für Solidarität und Frieden in der Gemeinschaft zu sorgen, ist im Süden von Yecheon am stärksten ausgeprägt. Dort gibt es das Grab der Worte. Auf den ersten Blick erscheint es wie eine gewöhnliche Erderhöhung, aber sie wurde durch Anhäufung von Erde und Felsen künstlich erschaffen und ähnelt einem riesigen Hügelgrab. Als vor langer Zeit die Zankereien zwischen den Dorfbewohnern zunahmen, wurde ein Grab für Worte errichtet. Denn es sind Worte, aus denen die Konflikte entspringen.

Das Dorf Geumdangsil in Yecheon hat sich dank seiner ruhigen, weitflächigen Umgebung, üppigen Feldern und gut ausgebauten Logistiknetzwerken schon lange als Sipseungjiji einen Namen gemacht. Ein Dorf wird jedoch nicht allein durch die Erfüllung geografischer Voraussetzungen zu einem Sipseungjiji, sondern erst dann, wenn auch das Zwischenmenschliche, die gegenseitige Rücksichtnahme und das ehrliche Interesse aneinander nicht zu kurz kommen. In Yecheon in Gyeongsangbuk-do kann man vielleicht keine eindeutige Antwort, aber zumindest einen Hinweis darauf erhalten, durch was sich ein Sipseungjiji-Dorf auszeichnet.

Grab der Worte

Vor langer Zeit wurde das Grab der Worte errichtet, um Konflikte und Zankereien unter den Dorfbewohnern zu beruhigen. Die auf den Stein eingravierten Worte mahnen die Bewohner Acht darauf zu geben, was man sagt.
© Shin Jung-sik




Kwon Ki-bong Schriftsteller

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