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Spitzenleistungen in der klassischen Musik

Focus 2021 AUTUMN 13

Spitzenleistungen in der klassischen Musik Spitzenleistungen in der klassischen Musik In diesem Jahr haben junge klassische Musiker aus Korea bei renommierten internationalen Musikwettbewerben Spitzenpreise gewonnen und damit das Sprungbrett für ihre Karriere gelegt. Bei der Montreal International Music Competition 2021 belegte Kim Su-yeon Platz eins und holte damit in der Kategorie Klavier erstmals die Goldmedaille für Korea. © Denise Tamara, Courtesy of Kumho Cultural Foundation Die globale Covid-19-Pandemie hat auch die Welt der klassischen Musik eingefroren. In diesem Jahr hat sich die Lage leicht verbessert, es wurden wieder verschiedene Musikwettbewerbe veranstaltet, bei denen stets erfreuliche Nachrichten von koreanischen Musikern gemeldet wurden, die auf den Weltbühnen auf den vordersten Plätzen brillierten. Die Gewinner sind: Kim Su-yeon bei der Montreal International Music Competition, Cellist Han Jae-min und Pianistin Park Yeon-min bei der George Enescu International Competition in Bucharest sowie Pianist Lee Dong-ha und das Arete String Quartet bei der Prag ue Spr i ng I nter nat iona l Music Competition. Darüber hinaus gewann Bariton Kim Gi-hoon den international besonders anerkannten Gesangswettbewerb BBC Cardiff Singer of the World. In der Vergangenheit hatten zwar schon einmal koreanische Sänger den ersten Preis im Liederwettbewerb geholt, aber Kim w urde a ls erster Koreaner m it dem Spitzenpreis des großen Wettbewerbs ausgezeichnet. Die starke Präsenz der koreanischen Musiker bei internationalen Wettbewerben wird hauptsächlich mit dem frühen Ausbildungsstart und dem harten Wettbewerb erklärt. Den Gesangsbereich ausgenommen, ist das Hauptziel der musikalischen Disziplinen, Talent möglichst früh zu erkennen und heranzuziehen. Das der Korea National University of A rts angegliederte Korea National Institute for the Gifted in Arts ist die repräsentativste Bildungseinrichtung für musikalisch talentierte Kinder und Jugendliche. Kinder ab zehn Jahren können sich bei diesem Institut einschreiben. Doch der Wettbewerb ist dermaßen hart, dass die Schüler sich auch nach der Aufnahme noch jedes Jahr einem Auswahlverfahren unterziehen müssen, aus dem einige ausscheiden. Letztendlich können sich diejenigen, die eher aufgrund von Potential und Entwicklungsaussichten als aufgrund von momentan an den Tag gelegtem musikalischen Können ausgewählt werden, eher profilieren. Vergl ichen m it der Vergangen heit bieten sich jungen Musikern heutzutage insgsamt noch mehr Chancen und Wege, an internationalen Wettbewerben teilzunehmen und ihr Talent zur Entfaltung zu bringen. KIM SU-YEON Die Montreal International Musical Competition ist ein Wettbewerb zur Entdeckung und Förderung von Jungtalenten unter 33 Jahren. In den Violinund Gesangswettbewerben haben koreanische Musiker bereits mehrfach Preise gewonnen, aber in diesem Jahr war Kim Su-yeon die erste Koreanerin, die im Klavierwettbewerb mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Kims Finale-Repertoire bestand aus drei Werken ihrer Wahl – Beethovens Klaviersonate Nr. 30 op. 109 in E-Dur, Skrjabins Klaviersonate Nr. 2 gis-moll op. 19 und Ravels Gaspard de la nuit, M. 55 – sowie dem Pf l ichtstück des Wettbewerbs: drei der Twenty-Four Preludes des kana- dischen Komponisten John Burge. Die in Salzburg lebende Kim erreichte auch als einzige Koreanerin das Halbf inale des Concours Reine Elisabeth, der zur gleichen Zeit in Brüssel stattfand. Sie musste also zwei Wettbewerbe gleichzeitig vorbereiten und dazu noch Videoaufzeichnungen machen. Sie erinnert sich: „Ich war weniger nervös, da ich nicht vor Publikum spielen musste. Aber für den virtuellen Auftritt vor Kamera und Aufnahmegerät zu spielen, war schon etwas belastend.“ Sie sei sich wie eine Schauspielerin vorgekommen, die vor einer leeren Wand gleichsam wie vor einem Mitspieler all ihre Gefühle zum Ausdruck bringen musste. Durch diesen Wettbewerb wurde Kim als Künstlerin „mit einer bemerkenswert ausgeklügelten Technik von unglaublich detaillierter Artikulation und sensiblem Gefühlsausdruck“ bewertet. Durch die Ausbildung am Korea National Institute for the Gifted in Arts erlernte sie ein umfangreiches Repertoire und entwickelte dadurch ihre musikalische Fantasie. Anschließend absolvierte sie am Mozarteum Salzburg ein Bachelor- und Master-Studium, derzeit macht sie ein postgraduales Studium am Mozarteum. Der Montreal-Wettbewerb wurde wegen der globalen Covid-19-Pandemie erstmals virtuell mittels Videoaufzeichnungen ausgetragen. Kims Abschlussrepertoire umfasste Werke von Beethoven, Skrjabin, Ravel und dem kanadischen Komponisten John Burge. ⓒHier ein Screenshot der YouTube-Aufnahme des Wettbewerbs. HAN JAE-MIN UND PARK YEON-MIN Die in der rumänischen Hauptstadt Bukarest stattfindende George Enescu International Competition wurde zu Ehren des Komponisten und Violinisten George Enescu (1881-1955) eingerichtet. Dieser alle zwei Jahre stattfindende Wettbewerb ist Teil des George Enescu Festivals, eines der größten Musikfestivals in Osteuropa, und hat zahlreiche koreanische Preisträger hervorgebracht. Als ich im letzten März Han auf dem Konzer t des Han k y ung Ph i l harmonic Orchestra Schostakowitsch spielen hörte, habe ich über die ausgereifte Technik und Interpretation des 14-Jährigen nur staunen können. Sein Sieg beim Enescu-Wettbewerb zwei Monate später hat mich kaum überrascht. In der 53-jährigen Geschichte des Wettbewerbs ging Han als bislang jüngster Preisträger hervor. Han Jae-min hatte früher Wettbewerbe für junge Musiker gewonnen, der Enescu-Wettbewerb war für ihn der erste für Erwachsene. Dazu erklärt der 14-Jährige: „Ich wollte meine Leistungsstärke objektiv auf die Probe stellen und auch eine neue Erfahrung machen.“ Während die anderen Teilnehmer alle ihren eigenen Klavierbegleiter dabei hatten, spielte er mit einem vom Veranstalter zugewiesenen rumänischen Pianisten. Dies ermöglichte ihm ein tieferes Verständnis der rumänischen Gefühlswelt, als er im Halbfinale die Cellosonate Nr. 2 C-Dur op.26 Nr. 2 von Enescu spielte. In einer Musikerfamilie aufgewachsen, begann Han im Alter von fünf Jahren mit dem Klavier- und Geigenspiel, dann wechselte er, fasziniert vom tieferen Klang, zum Cello über. Gleich nach Beendigung des zweiten Mittelschuljahrs wurde er an der Korea National University of Arts als bislang jüngster Student aufgenommen. Park Yeon-min wurde beim EnescuWettbewerb mit dem ersten Preis in der Disziplin Klavier gekrönt. Nach ihrem Bachelorabschluss an der Musikhochschule der Seoul National Univer- sity und ihrem Masterabschluss an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, ist Park jetzt in der Soloklasse eingeschrieben. Park war eine der 14 Halbfinalisten der International Franz Liszt Piano Competition, die eigentlich 2020 stattfinden sollte, aber wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde. Sie riss sich jedoch zusammen und bereitete sich auf den Enescu-Wettbewerb vor, bei dem sie das für seine Schwierigkeit gefürchtete Klavierkonzert Nr. 3 in d-moll op 30 von Rachmaninow spielte. Parks Vortrag von überwältigender Kraft und Leidenschaft brachte ihr die höchste Auszeichnung ein. Der Cellist Han Jae-min spielt auf der 2020 George Enescu International Competition, die im Mai in Bukarest veranstaltet wurde. Der 14-Jährige holte den ersten Preis in der Kategorie Cello.Er ist der bislang jüngste Teilnehmer und jüngste Sieger dieses 1958 eingerichteten Wettbewerbs. ⓒ Andrei Gindac, George Enescu International Competition Die Pianistin Park Yeon-min gewann den ersten Preis für ihre Darbietung von Rachmaninoffs Klavierkonzert No. 3 in D-Moll, Op. 30 bei der 2020 George Enescu International Competition in Bukarest. Park debütierte beim Kumho Young Artists Concert 2014. ⓒ Andrei Gindac, George Enescu International Competition Die starke Präsenz der koreanischen Musiker bei internationalen Wettbewerben wird hauptsächlich mit dem frühen Ausbildungsstart und dem harten Wettbewerb erklärt. LEE DONG-HA UND ARETE STRING QUARTET Die 1946 eingerichtete Prague Spring International Music Competition richtet sich an junge Musiker unter 30 Jahren. Im Mai 2021 gewannen Lee Dong-ha und das A rete String Quartet den Wettbewerb. Nach dem B . A .-Abschluss an der Yonsei University und dem M.A-Abschluss an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover promoviert Lee derzeit an der Musikhochschule Münster. Lee, für den es die erste Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb war, wählte für seinen Auftritt seine Lieblingsstücke. Da sie auch von vielen anderen Musikern gern gespielt werden, achtete er besonders darauf, seine eigene Interpretation zu präsentieren. Lee sagt, wegen der Vorverlegung des Wettbewerbs um einen Monat habe er mancherlei Schwie-rigkeiten gehabt, aber das objektive und detaillierte Feedback der Jury für seine Darbietung sei für ihn eine große Belohnung. Das Arete String Quartet, das aus den beiden Violonisten Jeon Chae-ann und Kim Dong-hwi, der Bratschistin Jang Yoon-sun und dem Cellisten Park Seong-hyeon besteht, wurde im September 2019 gegründet. Ihr Debüt im Kumho Young Chamber Concert wurde ausnahmsweise von KBS Classic FM live übertragen – ein noch nie da gewesener Erfolg für noch unbekannte Musi ker. Nach dem Nov us String Quartet und dem Esmé Quartet zieht das Streichquartett jetzt als aufgehender Stern am Musikhimmel die Aufmerksamkeit auf sich. In der Disziplin Streichquartett, die zum ersten Mal seit 16 Jahren ausgetragen wurde, gewann das Ensemble neben dem ersten Preis fünf Sonderpreise. Der Pianist Lee Dong-ha spielt auf der 2021 Prague Spring International Music Competition. Es war sein erster internationaler Wettbewerb. Er sagte, dass für ihn Feedback und Ratschläge der angesehenen Preisrichter bedeutsamer als Platz eins gewesen seien. © Petra Hajská, Prague Spring International Music Competition Das erst 2019 gegründete Arete String Quartet ist ebenfalls auf der Überholspur.Die Gruppe belegte auf der 2021 Prague Spring International Music Competition Platz eins in der Streichquartett-Sektion und holte weitere fünf Sonderpreise. © Petra Hajská, Prague Spring International Music Competition Ryu Tae-hyung Musikkolumnist

Gyeongju: Alte Hauptstadt, Freilichtmuseum

On the Road 2021 AUTUMN 33

Gyeongju: Alte Hauptstadt, Freilichtmuseum Gyeongju: Alte Hauptstadt, Freilichtmuseum Eine Stadt, in der historische Stätten zwischen malerischen Parks und modernen Gebäuden des 21.Jahrhunderts verstreut liegen: Gyeongju, die einstige Hauptstadt des Königreichs Silla (57 v. Chr.-935 n. Chr.), poliert seinen Ruf als „Museum ohne Mauern“ weiter auf. Die 13,4 Meter hohen, dreistöckigen Steinpagoden der Tempelstätte Gameun-sa in Yongdang-ri, Gyeongju, sind die höchsten Pagoden aus der Zeit des Vereinigten Silla-Reichs.Diese auf das östlich von Gyeongju gelegene Meer hinausblickenden Pagoden sind alles, was von dem alten Tempel übrig geblieben ist, der gebaut wurde, nachdem der König Munmu die Drei Königreiche im siebten Jahrhundert vereinigt hatte. Die Zwillingspagoden wurden zum Nationalschatz No. 112 erklärt. Dass Jack Kerouac (1922-1969), der repräsentativste Autor der Beat-Generation, sich in der Endphase seines Lebens dem Buddhismus zuwandte, ist mir auf dem Weg nach Gyeongju, dem einstigen „Herzen“ der buddhistischen Kultur, eingefallen. Der Titel seines bahnbrechenden Romans aus dem Jahr 1957 ist der Titel dieser Kolumne: Unterwegs (On the Road). Gyeongju lässt sich mit der Bezeichnung „tausendjährige Hauptstadt“ charakterisieren. Die Stadt war die Hauptstadt des Königreiches Silla, das von 57 v. Chr. bis 936 n. Chr. bestand. Neben dem Römischen Reich und Ägypten finden sich in der Menschheitsgeschichte nur noch wenige Reiche, die so lange existierten. Man kann sagen, dass Gyeongju in derselben Liga spielte wie die prunkvollen Städte Konstantinopel (heute: Istanbul), Chang’an (heute: Xi’an) oder Bagdad. Gyeongju unterhielt einen lebhaften Austausch mit China, das über die antike Seidenstraße via Arabien auch mit Europa handelte. Das erklärt, warum aus einigen Gräbern der Silla-Zeit römische Glasobjekte ausgegraben wurden. Silla war also ein Land mit weitsichtigen Menschen, die das Spielfeld großf lächig zu nutzen pf legten und sich als Weltbürger verstanden. Man kann nur dankbar sein, dass trotz imperialistischer Aggressionen und Kriege in der Moderne, die große Landesteile wiederholt verwüsteten, im südöstlichen Teil der Provinz Gyeongsanbuk-do rund 70 km nördlich von Busan trotzdem noch Spuren der Zivilisation Sillas erhalten geblieben sind. Hinter Vorkammer und Korridor befinden sich die berühmtesten Werke der alten koreanischen buddhistischen Skulpturkunst: eine Rotunde, die einen Lotusblüte darstellt, eine sitzende Buddhastatue sowie verschiedene in die Wände geschnittene Buddhas, Bodhisattvas und Devas. Aus konservatorischen Gründen können Besucher dieses wunderbare buddhistische Pantheon nur durch eine Glaswand bewundern. © National Research Institute of Cultural Heritage, Han Seok-hong GEHEIMNISVOLLE SCHÖNHEIT Wie ein fremdländischer Entdecker übers östliche Meer nach Gyeongju gesegelt, stieß ich auf die Überreste des Gameun-sa, eine historische Tempelstätte zum Gedenken an König Munmu (reg.661-681). Dieser begann mit dem Bau des Tempels in der Hoffnung, mit Buddhas Gnade die japanischen Invasoren abwehren zu können, verschied aber vor seiner Fertigstellung. In seinem Testament verfügte er, dass seine Asche im Ostmeer beigesetzt werden sollte – ein Wunsch, der erfüllt wurde –, sodass er als Drache zurückkehren konnte, um das Land zu schützen. Der Tempel Gameun-sa weist eine Besonderheit auf. Es ist keine schön herausgeputzte Touristenstätte, sondern wirkt eher etwas vernachlässigt. Man braucht keinen Eintritt zu zahlen, Verwaltungspersonal ist nirgendwo zu sehen. Es handelt sich um eine Ruinenstätte mit nur einem Paar dreistöckiger Granitpagoden und einigen unterirdischen Tempelstrukturen, aber der majestätische Flair der Pagoden ist eindrucksvoll. In alter Zeit f loss das Meerwasser bis unter den Boden der Haupthalle. Unter dem Gelände gab es einen Ka- nal, durch den der zum König gewordene Drache ein- und ausgehen konnte. Wer weiß schon, ob die beiden Pagoden den Drachen beschützten, oder ob der Drache die beiden Pagoden beschützte. Die Sari-Reliquiars, die bei der Zerlegung der Pagoden entdeckt wurden, sind Meisterwerke, die die feine Metallkunst der Silla-Zeit belegen. Dieser Schatz wird im Nationalmuseum in Seoul aufbewahrt und ist von schlichtweg unglaublicher Schönheit. Tief im Inneren der Pagoden vor den Blicken versteckt, scheint der Schatz das Grundprinzip der prunkvollen Zivilisation von Silla widerzuspiegeln: prachtvoll, aber nicht prätentiös, sondern bescheiden nach außen. Wollte man dadurch lehren, dass wahre Schönheit nicht fein verpackt zu werden braucht, sondern ganz von selbst ausstrahlt? Ich wollte mehr von der geheimnisvollen Schönheit Sillas sehen und eilte daher geradewegs ins Herz von Gyeongju. Bald stieß ich tief in den Bergen Toham-san, die den Seewind vor Gyeongju abhalten, auf Seokguram, eine zum Tempel Bulguk-sa gehörende Grotten-Einsiedelei. Die Grotte Seokguram und der Tempel Bulguk-sa sind unbestritten die beste Wahl, wenn es die Schönheit von Gyeongju zu entdecken gilt. Sie gehören zu den ersten fünf Stätten in Korea, die 1995 in die UNESCO-Weltkulturerbeliste eingetragen wurden. Im Jahr 2000 wurden weitere fünf historische Stätten um Gyeongju Weltkulturerbestätten. Seokguram, der Inbegriff buddhistischer Kunst und Architektur, wurde 774 fertiggestellt und hat eine ähnliche Struktur wie das Pantheon in Rom. Zweifelsohne ist es erstaunlich, dass bereits in der Antike ein aktiver Austausch architektonischer Techniken stattfand, aber ich war viel mehr damit beschäftigt, die Schönheit vor meinen Augen zu genießen. Die Seokguram-Grotte ist eine künstliche Steinhöhle, die als Höhepunkt buddhistischer Kunst und architektonischer Schönheit gilt. In diese Grotte dringt kein Regenwasser ein und es siedelt sich auch kein Moos an. Da der Granit zu hart war, um einfach durch Durchbohren des Gesteins einen Hohlraum zu schaffen, hat man die Grotte in einer Art Montagebau angelegt, wodurch sie sich von den Grotten in China oder Indien unterscheidet und von einzigartigem Charme ist. An dem Tag, als ich Seokguram besuchte, lag sowohl der Weg hin als auch der Weg zurück unter einer dicken Nebeldecke. Auch war zum Schutz des Kulturdenkmals der Innenraum der Grotte an vielen Stellen abgedeckt und man musste sich in der Wartereihe anstellen, sodass es keine Möglichkeit zur näheren Augenscheinnahme gab. Ich dachte bei mir, dass es auch gar nicht notwendig sei, die Grotte lange zu betrachten. Denn die Schönheit war von einer Art, die einen ganz einfach fest in die Arme schließt. Es war, als würde sich die überwältigende Ästhetik des Bildhauerkunstwerks wie Wellen in der Höhle verbreiten, sodass schon ein kurzes Hinschauen reichte, um den Ausdruck der Buddhastatue in die Retina der Besucher einzubrennen. Voller Vitalität wandte ich mich auf die Suche nach der nächsten Sehenswürdigkeit Richtung Bulguk-sa. Der rund 15 Kilometer südöstlich von Gyeongju gelegene Tempel, auch als „Tempel des Buddha-Landes“ bekannt, geht bis auf das Jahr 528 zurück. Es ist einer der Haupttempel des Jogye-Ordens, des größten buddhistischen Ordens in Korea, und wurde von der koreanischen Regierung als historische und landschaftlich reizvolle Stätte Nr. 1 eingestuft. Er gilt auch als Hauptjuwel der Blütezeit des Buddhismus in Shilla. Vor der großen Halle Daeungjeon in der Mitte des Tempelhofes standen zwei Steinpagoden, die die Schönheit des Klassischen und Antiken spüren ließen. Diese beiden Pagoden haben lange zeitliche sowie räumliche Entwicklungen miterlebt. Sie, die sie Zeugen des Auf- und Untergangs von Königreichen und des turbulenten Lebens der Menschen von damals waren, blicken nun auf die zahlreichen Touristen herab, die den Tempel aufsuchen. Der Tempel Bulguk-sa weist zusammen mit den beiden Pagoden eine erstaunlich schöne strukturelle Balance auf. Drei der vier Löwenstatuen an der Pagode Dabo-tap, einem Schatz des Tempels, sind verloren gegangen. Die Pagode Seokga-tap stürzte während der Restaurierung zusammen, das Sari-Reliquiar im Turm zerbrach. Der Tempel erlebte viele Tumulte und Schwierigkeiten. Die Relikte, die vieles durchgemacht haben, wirkten nichtsdestotrotz gelassen, als stünden sie jenseits aller weltlichen Sorgen. Alles, was durchgehalten hat, besitzt etwas Faszinierendes. Intensiv war auch der Wille der Menschen zu spüren, die sich für den Erhalt des Kulturerbes geopfert haben, als das Land angegriffen und ihnen weggenommen wurde, als Erdbeben entstanden, als es zu Grabräubereien kam und die Gefahr bestand, dass Relikte verschwinden oder beschädigt würden. Im Innenraum der Seokga-tap wurde die Dharani Sutra entdeckt, die die Entwicklung des Holztafeldrucks jener Zeit darlegt, ein weiterer stolzer Schatz Sillas. Wie enorm die Druckkunst die Entfaltung der Zivilisation der Menschheit angekurbelt hat, braucht gar nicht erst erklärt zu werden. Die Statue des sitzenden Buddha in der GrottenEinsiedelei Seokguram in Gyeongju gilt als Meisterwerk der buddhistischen Kunst.Seokguram ist ein im 8. Jh., als griechische und römische Architekturstile über die Seidenstraße nach Korea kamen, am mittleren Hang der Toham-Berge in Granitfelsen gehauener Höhlentempel. © National Research Institute of Cultural Heritage, Han Seok-hong BÜCHER, BEISETZUNGEN UND GLOCKE Ich verließ den Tempel, überwältigt von Größenordnung sowie Tiefe von Zeit und Raum, die sich in den alten Relikten widerspiegelten, und erreichte das Literaturmuseum Dong-ni Mok-wol, das zum Andenken an die aus Gyeongju stammenden berühmten Schriftsteller Kim Dong-ni (1913-1995) und Park Mok-wol (1915-1978) errichtet wurde. Im Museum fiel mir die Inschrift auf der Heiligen Glocke von König Seongdeok ein, die 711 während der Silla-Zeit hergestellt wurde. Sie enthält u. a. folgenden Inhalt:„Die Menschen der Zeit verachteten Reichtum und liebten schriftstellerisches Talent.“ Ich verstand darunter, dass die Menschen der Silla-Zeit, die es nicht nach materiellem Reichtum gelüstete, die Literatur geliebt haben. Konnte ein Land, in dem eine solch edle Geisteshaltung vorherrschte, überhaupt anders, als so viele wunderschöne Relikte zu hinterlassen? A ls ich mich der Ausstellungshalle von Park Mok-wol näherte, hörte ich die Rezitation eines seiner Werke. Die lyrischen Werke dieses Schriftstellers, der wie der britische Dichter William Wordsworth romantische Gedichte im weiteren Sinne schrieb, beinhalten verdichtete Einsichten in Leben und Natur. In diesem Sinne sind historische Relikte nicht die einzigen Schätze von Gyeongju. Neben dem Besuch des Museums können die Besucher auch Touren durch die Geburtsorte der beiden Schriftsteller und die Schauplätze in ihren Werken machen. Ich verließ das Literaturmuseum und suchte Zuf lucht im Cheonmachong, dem königlichen Grab des H i m m l i s c he n P ferde s i m Tumuli-Park Daereungwon. Meine Zehen froren. Gyeongju bietet so viel Neues zum Sehen an, dass ich nicht bemerkt hatte, dass meine Füße vom Regen, der den ganzen Tag gefallen war, nass geworden waren. Der Park umfasst 23 Hügelgräber. In und um Gyeongju gibt es mehrere hundert Tumuli, 35 davon sollen Grabstätten von SillaKönigen sein. Ich hatte mir den Innenraum eines Grabes beängstigend, mysteriös oder düster vorgestellt, aber er war wunderschön. Der Platz, an dem der Mensch nach seinem Tod liegt, ließ nicht Untergang spüren, sondern etwas Friedliches. Wenn ich an die Mühen denke, die das Anlegen der Gräber gekostet hatte, und die Sorgfalt, mit der die Bestattungsriten mit all den kunstvollen Beigaben durchgeführt wurden, dann kann ich über den Eifer der Menschen der Zeit nur staunen. Als ich das Grab verließ, lag vor mir das lebhafte Stadtviertel Hwangnam-dong. Ich war etwas verwirrt von dem großen Gegensatz zwischen dem in der Moderne entwickelten urbanen Zentrum und der Grabanlage aus der Antike. Dass der Ort des Todes und das Zentrum des Lebens so eng beieinander existieren! Stehen Leben und Tod in Harmonie oder in Disharmonie zueinander? Wie sollte man die Kluft zwischen Moderne und Altertum aufnehmen? Allein schon diese allgegenwärtigen Gegensätze machen Gyeongju hinreichend einzigartig. Zum Abschluss meiner Kurzreise begab ich mich zur Heiligen Glocke von König Seongdeok, die in einem Pavillon auf dem Gelände des Gyeongju Nationalmuseums untergebracht ist. Es ist ein rätselhafter Schatz, den ich unbedingt noch einmal sehen wollte. Mir war, als ob die halb abgeriebenen Schriftzeichen auf der Glocke – darunter der wunderschöne Satz des großen Königs, dass die Menschen zu seiner Zeit Reichtum verachteten und schriftstellerisches Talent liebten – plastisch wie ein Hologramm vor meinen Augen aufschwebten. Ich beschwor den Klang der Glocke mit ihrem eigenartigen Nachhall. Es ist schade, dass ich den Lesern diesen Klang nicht direkt übermitteln kann. Der von dieser riesigen Glocke erzeugte Schwebungseffekt klingt ganz so, als wäre man bei ihrer Fertigung schon mit der modernen Schallwellenmechanik vertraut gewesen, eine Vorstellung, die direkt Gänsehaut erzeugt. Die mächtigen Schallwellen können mit dem begeisterten Gebrüll eines von seiner eigenen Brillanz überwältigten Drachen verglichen werden, der die zahlreichen Stätten und Artefakte schützt, die die Schönheit dieser Stadt veranschaulichen. Ich hoffe, dass, wenn auch nur indirekt, die Schallwellen weitergeleitet werden können. Ich hoffe auch, dass diese Schallwellen, die aus der Konzentration der Schönheit entstehen, ewig schwingen mögen. Der Tempel Bulguk-sa am Fuße der Toham-Berge ist für zwei berühmte Pagoden bekannt: die im Vordergrund zu sehende Dabo-tap (Pagode der vielen Schätze) und die Pagode Seokga-tap (Sakyamuni-Pagode), die im Haupthof steht.Der Tempel und die Seokguram- Grotte repräsentieren die Blüte der buddhistischen Kunst von Silla. Sie gehören zu den fünf ersten Stätten in Korea, die 1995 in die Liste des UNESCOWelterbes aufgenommen wurden. Daereungwon, eine sich über 125.400 Quadratmeter erstreckende Anlage mit 23 Tumuli, beherbergt die größte Gruppe alter Gräber in Gyeongju. In Hwangnam-dong im Herzen der alten Stadt gelegen, überstrahlt ihre hypnotieserende Aura Zeit und Raum. Die Heilige Glocke von König Seongdeok, die im 8. Jh. in der Zeit des Vereinigten Königreichs Silla gefertigt wurde, ist die größte erhaltene Glocke in Korea.Sie ist 3,66 m hoch, 11-25 cm dick, hat einen Durchmesser von 2,27 m um den Mund und wiegt 18,9 Tonnen. Die Klangröhre an der Spitze, eine charakteristische Besonderheit koreanischer Bronzeglocken, trägt dazu bei, einen tiefen, resonanten Klang zu erzeugen.Die Oberfläche der Glocke ist mit exquisiten Mustern wie fliegenden Apsaras (weiblicher Geist der Wolken und des Wassers) geschmückt. Das Literaturmuseum Dong-ni Mok-wol in Gyeongju wurde zum Andenken an zwei berühmte Söhne der Stadt errichtet, die beide unauslöschliche Spuren in der Geschichte der modernen koreanischen Literaturgeschichte hinterlassen haben:der Schriftsteller Kim Dong-ni (1913-1995) und der Dichter Park Mok-wol (1916-1978).Das Museum bietet Besichtigungstouren zu ihren Geburtsorten und Stätten, die als Hintergrund für ihre Werke gedient haben, an. Nachbildung des Arbeitsplatzes von Schriftsteller Kim Dong-ni. Das Museum hat Kim und Park separate Galerien gewidmet, wo ihre jeweiligen Werke und persönliche Gegenstände ausgestellt sind. Eins von Kims Manuskripten, das in der Nachbildung seines Arbeitsraums ausgestellt ist. Park Sang Novelist Ahn Hong-beom Fotos

Eine Britin erlebt Nordkorea

Tales of Two Koreas 2021 AUTUMN 32

Eine Britin erlebt Nordkorea Eine Britin erlebt Nordkorea Das Buch einer jungen Britin mit ehrlichen Fotos und kurzen persönlichen Essays beleuchtet die emotionalen Auseinandersetzungen einer Ausländerin in Nordkorea und hinterfragt die gängigen Vorstellungen in Bezug auf das nordkoreanische Volk. Das Nordkorea, das eine junge Britin in den Dreißigern erlebte, war unerwartet herzlich und freundlich. Ihr rund zweijähriger Aufenthalt in Pjöngjang war nicht zu kurz, um ihre Einstellung gegenüber Nordkorea grundlegend zu ändern. Lindsey Miller hatte eigentlich nicht vor, über Nordkorea zu schreiben, aber nachdem sie ihre Fotos durchgeblättert hatte, fühlte sie sich gezwungen, ihre Erfahrungen und visuellen Interpretationen zu teilen. North Korea: Like Nowhere Else, eine Kompilation aus 200 Fotos und 16 Essays, wurde im Mai 2021 in London veröffentlicht. ⓒ Lindsey Miller Lindsey Miller, Komponistin und Musikdirektorin, begleitete ihren Mann, der für zwei Jahre (2017-2019) als Diplomat an die britische Botschaft in Pjöngjang entsandt wurde, nach Nordkorea. Die Fotos und Geschichten der Nordkoreaner, die sie während ihres Aufenthalts traf, publizierte sie im Mai 2021 als Buch. Schon der Titel des rund 200-seitigen Bandes ist ungewöhnlich:North Korea: Like Nowhere Else. Vor ihrer Ankunft in Nordkorea hatte sie erwartet, dass Nordkoreaner gefühlskalte, roboterähnliche Wesen seien, die sich vor allem gegenüber Ausländern frostig oder gar feindlich verhalten. Aber heute, zwei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien, sagt sie, dass all diese Vorstellungen nur Vorurteile gewesen seien. Die Nordkoreaner, die sie kennenlernte, waren durchweg freundlich und warmherzig. „Ausländer assoziieren Nordkorea oft voreingenommen mit Militärparaden, Massengymnastik oder Raketen, weshalb sie die Nordkoreaner für besonders streng und hölzern halten. Aber es sind Menschen wie du und ich, bei denen die Familienmitglieder einander liebevoll zugetan sind und Opa und Oma sich um die Enkel – ihr ein und alles – kümmern.“ Auf einem ihrer Lieblingsfotos blicken junge Soldaten nach hinten in Millers Kamera. Einige winkten und warfen ihr eine Kusshand zu, was dem im Westen verbreiteten Image der steinernen Härte widerspricht. ⓒ Lindsey Miller Viele assoziieren mit „nordkoreanische Soldaten“ sofort das Kim Jong-un-Regime, aber für Miller waren es eher ganz normale junge Menschen Anfang 20 als Soldaten. SPÜRBARER WANDEL화 Inmitten der von Uniformität geprägten Atmosphäre der nordkoreanischen Gesellschaft spürte Miller einen kleinen Wandel. Of t waren junge Menschen in einer Aufmachung zu sehen, die man sich zuvor nie hätte vorstellen können. Einige Schulkinder trugen sogar Rucksäcke mit Disney-Figuren. „Wer hätte sich je vorgestellt, in Nordkorea Motive von Disney, dem Kultursymbol der USA und damit des ‚größten Feindes‘ Nordkoreas, sehen zu können? Auch im staatlichen Fernsehkanal Nordkoreas sah ich Disney Animationsfilme. In mir stiegen gemischte Gefühle auf. Ich fragte mich, ob die nordkoreanischen Bürger überhaupt wussten, woher diese Sachen stammten.“ Unter ihren Fotos gefällt Miller am besten das von nordkoreanischen Soldaten, die mit einem Lastwagen unterwegs waren. Darin kommt deutlich zum Ausdruck, aus welcher Perspektive sie Nordkorea und seine Menschen betrachtet. Viele assoziieren mit „nordkoreanische Soldaten“ sofort das Kim Jong-un-Regime, aber für Miller waren es eher ganz normale junge Menschen Anfang 20 als Soldaten. Sie erinnert sich noch deutlich an den Moment, als sie dieses Foto schoss. Sie tauschte mit den Soldaten Grüße aus und einer von ihnen warf ihr einen Luftkuss zu. Alle brachen in Gelächter aus. Und Miller antwortete mit einem Luftkuss. „Wir glauben nicht, dass so ein Alltag in Nordkorea existiert. Völlig auf die Militäruniform fixiert, vergessen wir oft die Menschen, die diese Uniform tragen. Mein Nordkorea-Aufenthalt brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wer sie sind, woher sie kommen und wie ihr Familien- und A lltagsleben aussieht.“ KONTAKT MIT DEN BÜRGERN Ausländer konnten sich ziemlich frei in P jöng jang bewegen. Sie kon nten einkaufen gehen und auswärts essen. Aber im Gegensatz zu Touristen galten für Expats einige Regeln und Restriktionen: So war ihnen weder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel wie Bus oder Taxi ohne Begleitung erlaubt, noch durften sie Nordkoreaner zu Hau- se besuchen. Sie konnten sich auch nicht immer frei m it den Nord korea ner n u nterhalten. Tatsächlich erlebte Miller das Überwachungssystem oft. So kam es vor, dass Menschen, mit denen sie auf der Straße ungez w ungen plauder te, plötzlich ihren Gesichtsausdruck veränderten und weggingen. Wenn sie sich umsah, entdeckte sie jedes Mal einen Mann im Anzug. Auch in Geschäften in Pjöngjang waren Fremde nicht willkommen. Wenn Miller in einen Laden hereinkam, wurde ihr manchmal gesagt: „Wir haben geschlossen“, obwohl Kundschaft anwesend war. Millers besondere Aufmerksamkeit galt den jungen Frauen in Pjöngjang, vor allem denen ihrer A ltersgruppe. Mit Erstaunen nahm sie ein gewisses Umdenken in Bezug auf Liebe, Heirat und Karriere wahr. „Jungen Frauen in Pjöngjang schienen Arbeit und Karriere wichtiger zu sein als Heirat und Kinderkriegen. Sie waren neugierig, warum ich als verheiratete Frau keine Kinder hatte. Eine Frau sagte mir, dass die langen Arbeitszeiten sie ermüdeten. Es gab auch eine, die nicht heiraten wollte. Solche Frauen gehörten allerdings der Pjöngjanger Elite an. Die meisten Menschen, die ich in Nordkorea traf, waren Oberschichtler und hatten auch viel Kontakt mit Außenstehenden.“ M i l ler woh nte i m Bezi rk Mu nsudong, einem Botschaftsviertel im Osten Pjöngjangs. Dort sind Botschaften einiger Länder und internationale Organisationen wie Hilfsorganisationen angesiedelt. Zwar ist das Viertel nicht groß und die Stromversorgung öfters instabil, aber Miller hatte keine größeren Probleme mit dem Leben dort. TVSendungen waren über Satellitenfernsehen zu empfangen, es gab auch Internetanschluss, der wiewohl recht langsam war. Im Botschaftsviertel befanden sich zwar internationale Schulen, aber wegen des nicht besonders anspruchsvollen Bildungsangebots bekamen die meisten Diplomatenkinder Hausunterricht. Vor der Abreise wurde Miller geraten, die in Nordkorea gängigsten Fremdwährungen wie Dollar, Euro oder Yuan mitzunehmen. Unerwarteterweise wurden in Nordkorea aber keine etwas zerknitterten Dollarscheine angenommen. A ls Miller kurz nach ihrer Ankunft an der Maut-Zahlstelle des Flughafenparkplatzes mit einem solchen Schein bezahlen wollte, lehnte man ihn als „nicht sauber“ ab. In Pjöngjang war es zudem üblich, nach dem Einkauf an der Kasse statt Wechselgeld Snacks wie Kaugummi oder Saft zu bekommen. In Kauf häusern erhielt man Wechselgeld aber auch schon mal in nordkoreanischem Won. Ausländer hatten zudem keinen Zugang zu Geldautomaten. Gingen ihnen die Devisen aus, wandten sie sich an Bekannte, die ins Ausland reis- ten. Viele Ausländer hoben Geld am Geldautomaten in Dandong, der chinesischen Grenzstadt zu Nordkorea, ab. Über einer U-BahnStation in Pjöngjang thront ein riesiges Porträt von Kim Jong-il. Bilder des verstorbenen Führers sind in der nordkoreanischen Hauptstadt allgegenwärtig. ⓒ Lindsey Miller Gelassen wirkende nordkoreanische Senioren vor einem heruntergekommenen Wohngebäude. Miller interessierte sich stets für das, was Nordkoreas ältere Generationen gesehen und getan hatten und was ihre Nachfolger durchleben würden. ⓒ Lindsey Miller Marschierende Soldatinnen, die für ein freundliches Winken innehalten, schmücken das Cover von Millers Buch, das die Leser dazu anregt, die Nordkoreaner als etwas um- und zugänglicher zu betrachten. ⓒ Lindsey Miller INTENSIVE ERINNERUNGEN Das Gipfeltreffen zwischen Nordkorea und den USA 2018 in Singapur hinterließ bei Miller den interessantesten und nachhaltigsten Eindruck. Sie hatte bereits über die ausländischen Medien davon erfahren, aber die nordkoreanischen Staatsmedien berichteten erst einen Tag später darüber. Ihre nordkoreanischen Bekannten kamen zu ihr und wollten wissen, was vor sich ging. In Pjöngjang hingen großformatige Poster, die Trump und Kim Jong-un beim Händeschütteln zeigten und auf denen der Slogan „Wir sind eins“ prangte. Ger üchten zu folge sol len sich d ie Nordkoreaner südkoreanische Popmusik anhören oder TV-Programme ansehen, aber das konnte sie nicht mit eigenen Augen und Ohren bestätigen. Wer in Nordkorea mit südkoreanischen Contents in Kontakt kommt, dem drohen Höchststrafen. Die Nordkoreaner fragten Miller, ob sie schon mal in Seoul gewesen sei, oder wie es ihr in Seoul gefallen habe. Als sie einem Nordkoreaner ein am Strand von Bali aufgenommenes Foto zeigte, meinte dieser, es sei wunderschön und betrachtete es lange. Ihre Bekannten stellten auch viele Fragen in Bezug auf die britische Kultur. Dabei schienen sie aber mit Themen wie Gleichstellung der Geschlechter oder gleichgeschlechtliche Ehen kaum etwas anfangen zu können. A nfangs fotograf ierte Miller meistens Gebäude, weil deren Äußeres und Design für sie etwas Exotisches hatten. Doch schon bald verlagerte sich ihre Aufmerksamkeit auf Menschen und sie fing den A lltag der Nordkoreaner aus einem kreativen Blickwinkel ein. Es gab aber auch Momente, in denen sie aus Respekt vor den Menschen nicht auf den Auslöser drückte. Eigentlich hatte Miller nicht vor, ein Buch zu schreiben. Aber als sie nach der Rückkehr nach Großbritannien ihre Fotos sortierte, kamen die Erinnerungen an die Zeit in Nordkorea, an ihre Erfahrungen und Gefühle wieder hoch und damit zusammen der Wunsch, sie mit v ielen Menschen zu tei len. Aus 200 nicht gestellten Fotos und 16 Essays kompilierte sie ein Buch. In diesem Buch fokussierte sie sich eher auf die Menschen als auf das System oder die politische Lage in Nordkorea. Der Titel North Korea: Like Nowhere Else hat viele Implikationen: „Auf die Frage, was für ein Ort Nordkorea ist, fiel es mir richtig schwer, eine einfache Antwort zu geben. Unter all den Orten, die ich kenne, und all den Stätten, die ich besucht habe, gibt es keinen Ort auf der Welt, der mit Nordkorea vergleichbar ist. Auch unter den Ausländern gibt es je nach Position und Rang einen klaren Unterschied zwischen dem, was sie tun dürfen, und dem, was verboten ist. Das ist auch der Grund für den Titel meines Buches. Südkorea besuchte Miller zum ersten Mal nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien. Weil sie davor in Nordkorea gelebt hatte, fühlte sie sich überwältigt und an der Demilitarisierten Zone zwischen den beiden Koreas wurde sie besonders von Emotionen gepackt. Zum Abschluss des Interviews sagte sie: „Obwohl die Grenze geschlossen ist, dürfen wir nicht auch noch unser Herz gegenüber Nordkorea verschließen. Denn auch in Nordkorea leben Menschen.“ Kim Hak-soon Journalist, Gastprofessor, Korea University

Aufrichtigkeit in Stein meißeln

Guardian of Heritage 2021 AUTUMN 34

Aufrichtigkeit in Stein meißeln Aufrichtigkeit in Stein meißeln Für Lee Jae-sun war das letzte Jahrhundert ein beständiger Kampf mit Granit. Hart und dicht gemasert, stellt Granit eine Herausforderung für jeden Steinmetz dar, aber es ist auch das am häufigsten verwendete Material in alten koreanischen Steinbauten. Als erster Träger des Titels „Nationales Immaterielles Kulturgut auf dem Gebiet Steinmetzen“ hat Lee zahlreiche historische Steinmonumente restauriert und gleichzeitig eigene Werke geschaffen. Lee Jae-sun arbeitet weiterhin mit Hammer und Meißel, auch wenn die traditionelle Steinmetzarbeit größtenteils durch effizientere Techniken mit Einsatz moderner Maschinen und Geräte ersetzt wurde. Lee war der erste Steinmetzmeister, der 2007, als das Steinmetzhandwerk auf Koreas Liste des Nationalen Immateriellen Kulturgutes gesetzt wurde, zum Titelträger ernannt wurde. Die Steinmetzwerkstatt von Meister Lee Jae-sun, die in der Stadt Guri, Provinz Gyeonggi-do, liegt, ist voller Steinfiguren. Über dem Eingang erhebt sich eine über zehn Meter hoher MaitreyaBuddhastatue, ringsherum gibt es viele weitere Darstellungen von Buddhas, Löwen, Pagoden und Grabstelen, die das handwerkliche Geschick des Meisters verraten. In Damyang, Provinz Jeollanam-do, geboren, begann Lee bereits als Dreizehnjähriger mit Stein zu arbeiten. Damals half er seinem Onkel und seinem Bruder, die beide Steinmetze waren. Schon von klein auf hatte er geschickte Hände und ein handwerkliches Gespür. Er baute seine Schlitten oder Kreisel selbst, weshalb er sich schneller als andere in das Steinmetzhandwerk einarbeiten konnte. Lee begleitete seinen Onkel, der im Lande herumreiste, um historische Bauten und Monumente zu restaurieren oder zu rekonstruieren, wodurch er sich die grundlegenden Handwerkstechniken der Steinbearbeitung aneignete. GUTE LEHRER Lee war nicht nur handwerklich begabt, sondern hatte auch noch das Glück, von hervorragenden Meistern unterrichtet zu werden. 1970 lernte er bei dem renommierten Steinmetz Kim Bu-gwan in Seoul. Zwei Jahre später wurde er von Kim Jin-yeong, dem damaligen Großmeister der Steinbildhauerei, als Lehrling angenommen und startete damit seine beruf liche Lauf bahn als Steinmetz. Unter Kim lernte er nicht nur die Techniken der Steinbearbeitung, sondern auch die korrekte Haltung eines Meisters und entwickelte zudem ein scharfes Auge für gute Steinmetzarbeiten. In seinen jungen Jahren irrte Lee aber kurze Zeit von Verzweif lung getrieben ziellos herum. Nachdem er wegen eines kleinen Fehlers aus der Werkstatt hinausgeworfen worden war, wusste er nicht, was er tun und wohin er gehen sollte, und machte sich ohne besonderen Grund auf den Weg zur Grotte Seokguram in Gyeongju. Dort kam er zu einer Erkenntnis, die sein Leben völlig veränderte: „Ich war von der gestalterischen Ästhetik der Grotte Seokguram völlig überwältigt. Ich konnte kaum glauben, dass Menschenhände etwas von solch hohem Niveau kreieren können, und wollte vor meinem Tod unbedingt ein Meisterwerk wie dieses schaffen.“ Er kehrte zur Werkstatt zurück und lernte f leißiger als je zuvor. Lee erinnert sich: „Mein Lehrer traf sich regelmäßig mit Professoren für Architektur, Religionswissenschaft, Kunstgeschichte und Innendesign, er nahm mich immer zu diesen Treffen mit. Ich hörte ihren Gesprächen zu und konnte so auf ganz natürliche Weise meine Kenntnisse über unsere Kultur und buddhistische Kunst erweitern.“ Mit 21 gewann Lee beim Internationalen Berufswettbewerb WorldSkills, der 1977 in den Niederlanden stattfand, die Goldmedaille in der Disziplin „Architektonisches Steinmetzhandwerk“. Danach gewann er eine Reihe von inländischen Handwerkswettbewerben, wodurch er sich einen Namen machen konnte. 1989 wurde Lee zum Steinmetzmeister ernannt und 2005 zum Träger des Titels „Immaterielles Kulturgut“ der Provinz Gyeonggi-do im Bereich Steinmetzen. 2007, als das Steinmetzhandwerk schließlich in die Liste des Nationalen Immateriellen Kulturgutes Eingang fand, wurde Lee als erster Träger dieses Titels anerkannt, was für seine Spitzenposition auf diesem Gebiet sprach. Steinpagoden-Platte mit Zwillings-Phönixen.Granit. 82 × 27 × 98 cm (WDH).Im Inneren des Vierpasses sind ein Phönixpaar und Wolken eingraviert, der Sockel und die vier Ecken sind mit einem aufwändigen Schnörkelmuster dekoriert. Der Phönix ist ein mythischer Vogel, der bei der Ankunft eines Weisen, der der Welt Frieden bringen wird, erscheint. Als heiliges Tier verehrt, wurde er auf Palaststrukturen sowie Kleidung und Accessories der königlichen Familie dargestellt. © Seo Heun-kang Attendant Child. Granit.23 × 20 × 50 cm (WDH).Das junge Mädchen steht für die unberührte Welt des Buddhismus. Die meisten Statuen eines begleitenden Kindes tragen das Haar zu zwei Knoten auf dem Kopf gebunden oder als langen, vom Nacken herabhängenden Zopf. © Seo Heun-kang Vor ihrer Restaurierung stand diese schöne Pagode, die dem Nationalen Präzeptor Jigwang des GoryeoReiches gewidmet ist, auf dem Gelände des Gyeongbok-Palastes in Seoul. Das vom Gelände des Tempels Beopcheonsa in Wonju, Provinz Gangwon-do, stammende Werk wurde während der japanischen Kolonialzeit nach Japan gebracht und später zurückgegeben. Die bei einem Luftangriff während des Koreakriegs stark beschädigte Pagode wurde 1957 restauriert. 2016 begann man im National Research Institute of Cultural Heritage mit weiteren Restaurierungen, die Anfang 2021 abgeschlossen wurden. © Cultural Heritage Conservation Science Center des National Research Institute of Cultural Heritage REIZ DES GRANITSTEINS Meister Lee verwendet hauptsächlich Granitsteine. Auf der Koreanischen Halbinsel am weitesten verbreitet, zeichnet sich dieses Gestein zwar durch hohe Festigkeit und hervorragenden Glanz aus, aber wegen des geringen Absorptionsvermögens und der dichten Maserung ist es entsprechend schwer zu behauen. Das alte koreanische Steinmetzhandwerk, das überwiegend buddhistische Statuen, Steinpagoden und Steinbrücken hervorbrachte, begann ab dem 4. Jh. in der Zeit der Drei Königreiche (57 v. Chr. – 676 n. Chr.) zu f lorieren. Zahlreiche Steinbauten überstanden Kriege und Brände und sind bis heute erhalten. Granitstein ist nicht nur das Hauptmaterial für Tempel- und Palastbau, sondern auch für den Bau von Festungsanlagen zur Verteidigung im Kriegsfall. Lee war bisher an zahlreichen Restaurierungsund Reproduktionsarbeiten von Kulturgütern beteiligt. Auf die Frage, welches Kulturgut bislang am herausforderndsten war, nennt Lee die Pagode für den Nationalen Präzeptor Jigwang auf dem Gelände des Tempels Beopcheon-sa in Wonju, Provinz Gangwon-do, die „nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten Anfang dieses Jahres neu geboren wurde“. Er fügt hinzu: „Die Arbeiten waren dermaßen beschwerlich, dass ich mich fragte, ob es überhaupt Steinrelikte gibt, deren Restaurierung noch anspruchsvoller sein könnte.“ Die Pagode wurde zur Auf bewahrung der Sarira (buddhistische Reliquien in Form kristallähnlicher Kugeln, die nach der Einäscherung eines verstorbenen buddhistischen Mönchs zurückbleiben) des unter seinem buddhistischen Namen „Haerin“ bekannten Mönchs (984-1070) errichtet, der in der Goryeo-Zeit (918-1392) den Titel „Nationaler Präzeptor“ erhielt. Strukturell weicht sie von herkömmlichen Pagoden aus früheren Zeiten ab und ist mit elaborierten Ornamenten in Form von Wolken, Lotusblühten, Bodhisattwas und Devis (himmlischen Jungfrauen) geschmückt. Während der japanischen Kolonialzeit (1910-1945) wurde sie von Wonju in den Hof des Palastes Gyeongbok-gung gebracht, wo sie bei einem Luftangriff während des Koreakriegs (1950-1953) in unzählige Bruchstücke zerfiel. Nach Kriegsende wurden die Einzelteile zusammengesetzt und mit Zementmörtel befestigt. Da es damals jedoch noch an Techniken zur Wiederherstellung von Kulturgütern mangelte, lösten sich die ausgebesserten Teile im Laufe der Zeit ab und die Schäden nahmen ein gravierendes Ausmaß an. „Etwa die Hälfte der zerbrochenen Steine auf dem Dach, wo die Schäden am verheerendsten waren, wurde durch neue ersetzt. Am mühsamsten war, neue Steine zuzuschneiden, zu meißeln und passgenau in die beschädigten Stellen einzufügen. Zusammen mit zwei Schülern, die die Lehre schon abgeschlossen hatten, haben wir zu Dritt eineinhalb Jahre daran gearbeitet.“ Himmlischer Hirsch.Granit. 33 × 27 × 55 cm (WDH).Der Himmlische Hirsch Cheonnok, ein heiliges mythisches Tier, das böse Geister vertreiben soll, wurde oft in schmückende Steinstrukturen der Königspaläste gemeißelt. Ein Beispiel dafür findet sich an der Yeongje-Brücke im Palast Gyeongbokgung. Dieser von Lee Jae-sun gemeißelte Hirsch mit Mähne und Schuppen weist dynamische Kurven auf. Zu Lee Jae-suns vielfältigen Handwerkzeugen gehören ein Meißel zum Sammeln und Trimmen von Steinen, ein Hammer zum Brechen, ein Keil zum Auseinanderziehen und Bouchadierhämmer zum Texturieren des Steins. RESTAURATION UND REPRODUKTION Lee war an allen wichtigen Kulturerbe-Restaurierungsprojekten beteiligt, darunter der Restaurierung des Sungnye-mun, des alten Seouler Südtours, das 2008 Brandstiftung zum Opfer fiel, und der Steinpagode des Tempels Mireuk-sa in Iksan. Landesweit wurden rund 2.000 steinerne Kulturgüter in Palästen und Tempeln von ihm restauriert. Er fertigte zudem Reproduktionen des steinernen Sitzenden Bodhisattva im Tempel Woljeong-sa in Pyeongchang und der Pagode für den Nationalen Präzeptor Wongong auf dem Gelände des Tempels Geodon-sa in Wonju an. Auch Restauration und Reproduktion des Siegesdenkmals Bukgwan Daecheopbi sind sein Werk. Diese Pagode wurde ursprünglich 1709 auf Initiative der Einwohner des Landkreises Gilju-gun, Provinz Hamgyeong-do, errichtet, um des Sieges der örtlichen freiwilligen Widerstandskämpfer bei der Bukgwan-Schlacht (1592-1593) während der japanischen Invasion Imjinwaeran Ende des 16. Jh. zu gedenken. 1905, während des Russisch-Japanischen Krieges, wurde sie von den Japanern geraubt und nach Japan gebracht, wo sie bis Anfang der 2000er Jahre vernachlässigt auf dem Gelände des Yasukuni-Schreins stand. „Als das Monument in Japan war, fehlten Sockel und Dachstein, auf dem Körper lag nur ein großer Naturstein. Yu Hong-june, der damalige Leiter der Kulturerbeverwaltungsbehörde, bat mich, für den Fall der Rückgabe einen Dachstein und Sockel anzufertigen. Was hätte ich mir als Steinmetz noch mehr wünschen können?“ Aber mit der Behauptung, dass die Genehmigung von Nordkorea vorausgesetzt sein müsse, da das Denkmal ursprünglich auf nordkoreanischem Gebiet gestanden habe, verzögerte Japan die Rückgabe. Die Japaner gingen wohl davon aus, dass Nordkorea die Beförderung dieses Denkmals in den Süden keineswegs ohne Weiteres zulassen würde. „Aber Yu hatte eine geniale Idee,“ sagt Lee. „Er schlug Nordkorea vor, das Denkmal einige Monate in Seoul aufzubewahren und danach an Nordkorea zurückzugeben. Nordkorea stimmte zu und Japan hatte keine andere Wahl, als es auszuhändigen.“ Die Pagode, die schließlich 2005 auf koreanischen Boden zurückgebracht wurde, war zunächst in Seoul im Nationalmuseum und anschließend im Palast Gyeongbok-gung zu sehen, bevor sie im Jahr darauf zusammen mit dem von Lee angefertigten Sockel und Dachstein an Nordkorea zurückgegeben wurde. Das an seinem ursprünglichen Standort errichtete Monument wurde als nordkoreanischer Nationalschatz registriert. Eine von Meister Lee gefertigte größengetreue Replik der Pagode findet sich im Gyeongbok-gung im Vorhof des Nationalen Palastmuseums. „Während der Restaurierung des Tors Sungnyemun waren noch nicht alle Spuren der verbrannten Materialien beseitigt, sodass ich unter Hautkrankheiten und Bronchialbeschwerden zu leiden hatte. Ich machte mich an die Arbeit in dem Gedanken, nach dieser großen Katastrophe eine neue Geschichte zu schreiben. Dabei konnte ich die Spuren der alten Steinmetze entdecken und vieles lernen. So war z. B. offensichtlich, dass sie bei der Steinbearbeitung daran gedacht hatten, wie Regenwasser am besten abf ließen könnte. Beim Abbau konnte ich das, was ich zuvor nur durch mündliche Überlieferung wusste, mit eigenen Augen verifizieren.“ Unter seinen vielen Projekten ist Lee das des Amitabha Buddha für die Gedenkhalle des Großen Mönchs Cihang (1895-1954) im Bezirk Xizhi in Neu-Taipeh in deutlichster Erinnerung geblieben. Der im Lotussitz sitzende, in tiefer Meditation versunkene Mönch starb, aber sein Leichnahm verweste nicht. Sein durch Selbstmumifizierung erhalten gebliebene Körper wurde vergoldet und in eine Buddha-Statue verwandelt, die heute im Tempel auf bewahrt und verehrt wird. Als die buddhistischen Gläubigen in Taiwan in dieser Halle eine Statue aufstellen wollten, sahen sie sich Steinbuddhas in verschiedenen Ländern an und kamen zu dem Schluss, dass die riesige Statue des Sakyamuni Buddha in der Grotte Seokguram „die beste“ sei. Darauf hin beauftragten sie Lee mit dem Projekt. „Ich bekam den Auftrag, eine dem SeokguramBuddha ähnelnde Statue herzustellen, und fertigte einen riesigen, um das 1,7-Fache größeren Buddha an. An dem Tag, als der verschiffte Amitabha Buddha in der Halle nach Westen ausgerichtet aufgestellt wurde, sollen sich die Wolken aufgelöst haben, von überall sei Licht hereingeströmt. Als ich mir das Video später ansah, war der Buddha seltsamerweise tatsächlich ins rotglühende Licht der Abenddämmerung gehüllt. Ich erinnere mich noch heute lebhaft daran, wie bewegt viele Leute waren.“ „Steine lügen nicht,“ sagt Lee. Klopft man nur lässig darauf, entsteht eine „lässige“ Form, schlägt man wütend darauf ein, hinterlässt die Wut Spuren auf der Oberfläche. Es ist gerade diese Ehrlichkeit, die Steine anziehend macht.“ TÄGLICHE ROUTINEN Lee ist f leißig. Sobald er die Augen aufschlägt, geht er in seine Werkstatt. Wenn er von 8 bis 18 Uhr Steine geschnitten und gemeißelt hat, schmerzt sein ganzer Körper. Aber seine Liebe zu und seine Ehrfurcht vor den Steinen bleiben unverändert. „Steine lügen nicht,“ sagt Lee. Klopft man nur lässig darauf, entsteht eine „lässige“ Form, schlägt man wütend darauf ein, hinterlässt die Wut Spuren auf der Oberf läche. Es ist gerade diese Ehrlichkeit, die Steine anziehend macht.“ Sein Sohn Lee Baek-hyeon lernt das Steinmetzhandwerk und wird seine Nachfolge antreten. Meister Lee weiß besser als jeder andere, dass nicht nur individuelle Anstrengungen, sondern auch gesellschaftliches Interesse sowie Förderung von Regierungsseite erforderlich sind, um die Exzellenz des Steinmetzhandwerks an die künftigen Generationen weitergeben zu können. „Wir brauchen ein gesellschaftliches Umfeld, das jungen Menschen die Fortführung des traditionellen Handwerks ermöglicht.“ Heo Yun-heeJounalistin, Tageszeitung Chosun Ilbo Ahn Hong-beom Fotos

Stille im Univiertel

Image of Korea 2021 AUTUMN 31

Stille im Univiertel Stille im Univiertel „E i nzi m mer woh nung, Zwei zi mmer woh nung, St udentenwohnung, Neubauwohnung, Zimmer zur Miete …“ Die Flyer an den Hauswänden, den Leitungsmasten und Bäumen am Straßenrand und an den Bushaltestellen in Universitätsvierteln f lattern im Wind. Die Passanten würdigen sie aber bestenfalls nur eines f lüchtigen Blickes. Mit der anhaltenden Covid-19-Pandemie herrscht Stille in den gewöhnlich lebhaften Univierteln. Mit der Umstellung auf Online-Unterricht sind nirgends Studenten zu sehen und damit ist die Nachfrage nach Einzimmerwohnungen zurückgegangen oder ganz verschwunden. Koreanische und internationale Studenten sind in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Während man auf die Rückkehr des Präsenzunterrichts und der Studenten wartete, sanken die Mietpreise. © Ahn Hong-beom Die Vermieter reagierten mit der Halbierung der Mieten, wohl in der Hoffnung, Nicht-Studenten anzuziehen oder die Studenten davon zu überzeugen, in Seoul auf die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts zu warten. Aber selbst das konnte den Exodus nicht stoppen. In der Vergangenheit wohnten die Studenten aus anderen Regionen in Seoul meist in einem sog. „Hasukjip“, einer A rt Studentenpension mit Gastfamiliencharakter. Im Gegensatz zu Mietzimmern, wo sich jeder selbst um die Mahlzeiten und anfallenden Hausarbeiten kümmern muss, bekamen die fern von zu Hause lebenden Studenten warmes Essen, das von der „HasukjipAjumma“, der Vermieterin, zubereitet wurde. Besonders fürsorgliche Ajummas machten sogar die Wäsche und räumten das Zimmer auf. Unter ihrer Obhut konnten die Studenten ihre Einsamkeit überwinden und Trost finden, oft knüpften die Mieter untereinander enge Bande wie Geschwister. Das Leben in einem Hasukjip war geprägt von einem Gemeinschaftsgeist, wie er in der Agrargesellschaft in ländlichen Großfamilien vorherrschte. Solche Szenen verschwanden jedoch nach und nach in der Erinnerung. Mit dem landesweit starken A nstieg der Studentenzahlen in den 1980er Jahren, der auch danach noch weiter anhielt, konnten die Hasukjip die Nachfrage nicht mehr decken. Hinzu kam die Zunahme der Einpersonenhaushalte aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Stimmung, in der der Privatsphäre des Individuums gegenüber dem Gemeinschaftsleben in der Familie eine höhere Priorität eingeräumt wurde. Entsprechend entstanden in den Univierteln Neubauten mit durchschnittl ich 20 qm großen Einzim mer wohnungen. Dadurch wurde aus der engen menschlichen Verbundenheit zwischen Pensionsbesitzer und Student-Mieter eine rein funktionale Beziehung zwischen Mieter und Vermieter. Zudem sind durch die jüngsten Maßnahmen zur sozialen Distanzier ung wegen der Covid-19-Pandemie die Univiertel von jungen Menschen so gut wie verlassen worden. Ein winziger Balkon nach Süden, eine Kochnische mit dem Allernötigsten, ein kleines, aber sauberes Bad, ein Einbauschrank und ein Schreibtisch, ein schmales Bett ... Einst überf ließend vor Träumen, Ängsten und Leidenschaften der jungen Jahre, stehen die Zimmer leer, nur mit sengendem Sommersonnenlicht gefüllt.Wann sie wieder mit Leben erfüllt sein werden, steht noch in den Sternen. Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der Korean National Academy of Arts

People

Liebe zu andersartigen Geschichten

Interview 2021 AUTUMN 37

Liebe zu andersartigen Geschichten Jeon Min-hee gehört zu den Schriftstellern, die ihre Karriere inmitten der Internet-Avantgarde der FantasyAutoren der 1990er Jahre begannen. Ihre Bücher – oft Überarbeitungen früherer Werke – genießen hohe Popularität in China, Japan, Taiwan und Thailand sowie in ihrer Heimat Korea. Sie nahm sich Zeit für ein Interview in einem gemütlichen Café in der Nähe des Palastes Gyeongbok-gung in der Seouler Stadtmitte. Fantasy-Schriftstellerin Jeon Min-hee debütierte 1999 auf dem PCKommunikationsdienst Nownuri mit The Stone of Days. Ihre detaillierten Beschreibungen und lyrische Prosa haben Jeon eine begeisterte Fangemeinde im In- und Ausland eingebracht. Jeon Min-hee zählt zu den Schriftstellern, deren Name in keinem Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der koreanischen Fantasy-Literatur uner wähnt bleibt. Ihr 1999 auf dem PC-Kommuni kationsdienst Nownuri erschienener Debütroman The Stone of Days handelt von der Reise des 18-jährigen Fabian, der einen Gemischtwarenladen betreibt.Aber nachdem sein Dorf von einem Monster heimgesucht wurde und seine Mutter dabei ums Leben kam, begegnet er seinem totgeglaubten Vater, der ihm eine Halskette anvertraut, und begibt sich danach auf die Suche nach vier Schmucksteinen aus dieser Kette.Der Roman verzeichnete über vier Mil- lionen Seitenaufrufe auf Nownuri, was ihn zu einer „Legende“ unter FantasyFans machte.Jeons ei n ziga r tige Fa ntasiewelten sind auch in der Spielbranche beliebt.On l i ne-Spiele w ie Tales Weaver, da s 2003 veröffentlichte klassische Rollenspiel (RPG) von Nexon, und ArcheAge, das RPG von XL Games (2013), sind Adaptationen ihrer Werke. Wie viele Jahre sind seit Ihrem Debüt vergangen?1999 wurde meine erste Serie veröffentlicht, das macht also 23 Jahre. Children of the Rune - Winterer (erschienen 2001-2002 und 2019), der erste Teil der Trilogie, wurde 2001 als Taschenbuchveröffentlicht, d. h. Children of the Rune feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag. Children of the Rune war eine Riesensensation. Wie viele Exemplare der Serie wurden verkauft?Children of the Rune - Winterer umfasste sieben Bände, Children of the Rune - Demonic (erschienen 2003-2007 und 2020) neun Bände. 2018 wechselte ich den Verlag und brachte eine überarbeitete Version des Gesamtwerks heraus. Damals haben wir die Verkaufszahlen geschätzt und auch. Auch wenn es keine exakten Angaben sind, kamen wir doch auf rund drei Millionen Exemplare. Warum veröffentlichen Sie immer wieder Überarbeitungen? Legen Sie vielleicht besonders hohen Wert auf die Qualität Ihrer Werke?Die meisten Fantasy-Autoren überarbeiten ihre Werke nicht gern. Es gibt nur eine Handvol l, die das machen, wenn sich eine Gelegenheit dafür bietet. Denn was Freude an der Arbeit, Ruf und Einkommen betrifft, ist es viel besser, ein neues Werk zu schaffen, statt die gleiche Zeit in die Überarbeitung alter Bücher zu investieren.Bevor die neue Version publ i zier t wird, feile ich sie zwar so lange aus, bis ich selbst damit zufrieden bin, aber wenn ich mich dann nach einiger Zeit aus einer neuen Perspektive mit dem Buch beschäftige, fal len mir Stel len auf, die ich ergänzen möchte. Als z. B.The Stone of Days 2004 von einem neuen Verlag herausgebracht wurde, waren die unausgereiften Passagen für mich so offensichtlich, dass ich das Buch nicht einfach so in Druck gehen lassen konnte, auch wenn ich sehr daran hing, weil es ja mein Erstlingswerk ist. Es ist gut möglich, dass, wenn ich damals einfach alles so wie es war, gelassen hätte, auch meine anderen Bücher nicht noch mal überarbeitet hätte. "Viele glauben, dass Fantasy-Romane aus dem Nichts, direkt aus der Fantasie des Autors entstehen, aber in Wirklichkeit basieren sie auf weitreichenden Recherchen und sorgfältigen Nachforschungen." Jeons charakteristischtes Werk Children of the Rune besteht aus drei Teilen:Children of the Rune – Winterer (2001-2019), Children of the Rune – Demonic (2003-2020) und Children of the Rune – Blooded (2018-). Die Geschichte erzählt von Kindern, die inmitten von post-zivilisatorischen Machtkämpfen ums Überleben kämpfen und sich eine Identität schaffen. Wie haben die Leser auf die überarbeiteten Ausgaben reagiert?Da die Arbeit über das Aufpolieren von Sätzen hinaus sogar das Einfügen neuer Episoden umfasste, waren die Meinungen geteilt. Die Leser, die meinten, sich jetzt die überarbeiteten Ausgaben kaufen zu müssen, waren wohl enttäuscht. Aber die Zahl der Leser, denen die Überarbeitungen besser gefallen haben, ist allmählich gestiegen. Einige vergleichen sogar Ursprungs- und Neu- version, stellen die Unterschiede übersichtlich zusammen und tauschen die Details untereinander aus. Woran liegt es, dass Ihre Werke sich steter Beliebtheit erfreuen?A ls ich in meinen Zwanzigern damit begann, meine Werke auf dem PCKommunikationsdienst Nownuri zu serialisieren, schrieb ich einfach das, was ich schreiben wollte, ohne weiter auf die Leserschaft zu achten. Aber unerwartet gewannen meine Romane große Beliebtheit, woran ich erkannte, dass viele Menschen auf der Welt einen ähnlichen Geschmack wie ich haben. Das gab mir das nötige Selbstvertrauen, meinen eigenen Vorlieben völlig freien Lauf zu lassen. Also folgte ich den Ideen, sobald sie mir in den Sinn kamen, und ließ sie organisch zu Geschichten wachsen.Ich glaube, dass das einer der Reize sein dürfte, die dem Fantasy-Genre innewohnen. Fantasy-Romane sind nicht auf ein bestimmtes Zeitalter beschränkt, sondern besitzen epochenübergreifende Universalität und Anziehungskraft. Sie werden als Schriftstellerin bewertet, die eine riesige Welt beleuchtet, aber dabei Details nicht aus den Augen verliert.Viele glauben, dass Fantasy-Romane aus dem Nichts, direkt aus der Fantasie des Autors entstehen, aber in Wirklichkeit basieren sie auf weitreichenden Recherchen und sorgfältigen Nachforschungen. Will man z. B. eine Geschichte vor dem Hintergrund einer virtuellen, in der Realität so nicht existierenden Stadt spielen lassen, setzt das gründliche Nachforschen über die Kul- turgeschichte des menschlichen Städtebaus voraus. Erst diese Vorarbeit ermöglicht fein verzahnte Str ukturen und detaillierte Beschreibungen. Wie sind Sie zum Schreiben von Fantasy-Romanen gekommen?Schon in meiner Jugend habe ich mich im Schreiben geübt. Damals schrieb ich einfach das, worauf ich Lust hatte, aber rückblickend stelle ich fest, dass das, was ich damals schrieb, Fantasy war.Mir wurde das Genre als solches erst richtig bewusst, als ich in der FantasyCommunity auf Nownuri als Mitglied aktiv wurde. Ab da habe ich ernsthaft mit dem Schreiben begonnen.Wenn ich mich jetzt zurückerinnere, hatte ich Glück. In den 1990er Jahren gewannen die Fantasy-Romane in Korea an Beliebtheit, die geistigen Strömungen der Zeit und ich passten wohl gut zueinander. Ich denke, dass mein persönlicher Geschmack bei den Menschen, die Geschichten dieser Art mögen, auf Resonanz stieß, woraus sich eine gewisse Synergie ergab.1994 begann ich mit dem Studium und 1997, als ich im vierten Studienjahr vor dem Abschluss stand, geriet Korea in den Strudel der Asienkrise, der Finanz-, Währungs- und Wirtschaftskrise in Ostasien. Es gab damals keine Jobs für die Uniabsolventen, weshalb sich niemand wegen Arbeitslosigkeit nach dem Studium zu schämen brauchte. Da es daher sowieso nicht möglich war, Geld zu verdienen, hatte ich aus meiner Sicht Zeit, mich an etwas zu versuchen, das mir Spaß machte. Wie entstand Ihre Vorliebe für Fantasy?Es muss wohl in meinen jungen Jahren gewesen sein, als ich mich durch eine Kinderausgabe der Klassiker der Weltliteratur las. Ich mochte originelle, andersartige Geschichten, vor allem Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren, die für ihre Pippi Langstrumpf-Serie berühmt ist. Im Nachhinein wurde ich mir bewusst, dass Children of the Rune - Winterer von diesem Werk stark beeinf lusst wurde. Was charakterisiert Ihre Romane?Ich glaube, ich bin nicht diejenige, die dazu etwas sagen könnte. Manchmal schreiben Leser Kritiken über meine literarische Welt. Einige kategorisieren meine Werke z. B. als „Jugendliteratur“.Ich denke, das macht Sinn.Heute hat die Jugendliteratur auf dem koreanischen Literaturmarkt einen festen Platz, aber als ich mit dem Schreiben begann, existierte diese Kategorie noch gar nicht. In vormoderner Zeit gab es Übergangsriten und Jugendwei-hen für Kinder, ich wollte Geschichten über diese Übergangszeit für Leser in diesem Alter, die vom Kind zum Erwachsenen werden, schreiben.Ich denke, dass Children of the Rune -Winterer eine solche Geschichte ist. Ein Junge sieht sich mit einer verzweifelten Lage konfrontiert, in der er sich nicht auf die Hilfe von anderen, nicht einmal auf die seiner Eltern, verlassen kann, aber letzten Endes stellt er sich dem Monster, vor dem gef lohen ist, und besiegt es. Sie müssen auch viele langjährige Leser haben.Der letzte Band von Children of the Rune - Demonic, des zweiten Teils von Children of the Rune, erschien 2007 und der erste Band des dritten Teils Children of the Rune - Blooded kam 2018 heraus. Zwischen beiden liegt eine Zeitspanne von über zehn Jahren. In der Zeit dazwischen könnte es Leser geben, die meine Romane vergessen haben, oder Leser, die eine Arbeitsstelle gefunden oder geheiratet haben. Aber zu einer Signierstunde, die ich an einem verschneiten Wintermorgen im Seouler Kyobo Book Centre im Stadtteil Gwanghamun hielt, erschienen gut 500 Leser. Ich war total überrascht. Es waren Leser, die als Grund- und Mittelschüler Children of the Rune - Winterer gelesen hatten und jetzt als Erwachsene in den Zwanzigern und Dreißigern zu dieser Veranstaltung kamen. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?Mein Terminkalender für dieses Jahr ist fast voll. Ich muss weiter am Szenario für ein neues Spiel arbeiten und und auch an Children of the Rune - Blooded weiterschreiben.

Schmerz ruft grenzübergreifende Empathie hervor

Interview 2021 SUMMER 103

Schmerz ruft grenzübergreifende Empathie hervor CULTURE & ART --> Schmerz ruft grenzübergreifende Empathie hervor Die Übersetzungen von Keum Suk Gendry-Kims (geb. 1971) Graphic Novels finden weltweit Anerkennung. Das gilt besonders für Grass (2017), ein Werk, das sich mit dem Schmerz der sog. „Trostfrauen“ befasst, die im Krieg von der japanischen Armee systematisch sexuell versklavt wurden. Eine Szene aus Grass, einer Graphic Novel von Keum Suk Gendry-Kim, die das Schicksal der koreanischen Trostfrauen, die von Japan zur sexuellen Sklaverei gezwungen wurden, thematisiert Keum Suk Gendry-Kim taucht tief in das mensch¬liche Leid ein. Ihre Themen sind die Koreaner, ihre Kulissen die Ereignisse der koreanischen Geschichte. Der Schmerz, der in ihre Werke eingestanzt ist, ruft kulturübergreifendes Verständnis und Lob hervor. Ihr grafischer Roman Grass (2017) über eine der vom japani¬schen Militär vor und während des Zweiten Weltkriegs zur Prostitution gezwungenen „Trostfrauen“ fand unter ihren bisherigen Werken unbestritten die meiste Anerkennung.Die englische Ausgabe von Grass, 2019 von dem kana¬dischen Comicverlag Drawn and Quarterly veröffentlicht, sorgte schnell für Aufsehen. 2019 kürte die New York Times das Buch zu einem der „Best Comics of 2019“ und der Guardian lobte es als einen der „Best Graphic Novels of 2019“. 2020 gewann Grass zehn Auszeichnungen, darunter den Krause Essay Prize und den Harvey Award auf der New York Comic Con.Grass wurde kürzlich auf Portugiesisch und Arabisch her¬ausgebracht. Weitere Bücher von Gendry-Kim sind Jiseul (2014), das die Tragödie des gegen die Teilung Koreas gerichteten Jeju-Aufstands von 1948 schildert, und Alexan¬dra Kim, a Woman of Siberia (2020), das Leben und Zeiten dieser ersten koreastämmigen Bolschewikin nachzeichnet. The Waiting, ihr jüngstes, die Trennung einer Familie the¬matisierendes Werk, wurde bereits auf Französisch publi¬ziert und wird bald auf Englisch, Portugiesisch, Arabisch und Italienisch erscheinen. Letzten April traf ich Gendry- Kim in einem Café auf der Insel Ganghwa-do, wo sie jetzt lebt. Sie haben Malerei und Installationskunst studiert – wie kam es dann dazu, dass Sie sich einen Namen als Auto¬rin grafischer Romane machten? Nach meinem Studium der westlichen Malerei in Korea ging ich nach Frankreich, um Installationskunst an der École supérieure des arts décoratifs de Strasbourg zu studie¬ren. Um über die Runden zu kommen, übersetzte ich neben¬bei Werke koreanischer Cartoonisten und konnte mir in dem Bereich quasi einen Namen machen. Ich habe über 100 koreanische Comics übersetzt und ihnen dadurch zu einer französischen Leserschaft verholfen.Dann wurde ich eines Tages von einem koreanischen Zei¬tungsverlag vor Ort gefragt, ob ich mich nicht selbst im Comic-Zeichnen versuchen wolle. Zu der Zeit wurde mir durch das Übersetzen das Potential dieses Genres bewusst. Nur mit Bleistift und Papier seine Vorstellungen als Autor frei ausdrücken zu können, fand ich faszinierend. Also begann ich zu zeichnen, ein Werk nach dem anderen, und schon bald wurde daraus eine ganze Serie. Seitdem ich mit dem Comic-Zeichnen angefangen habe, habe ich mich intensiv mit der Frage herumgeschlagen, wie ich den Dia¬logfluss am besten vermitteln kann, sei es durch Sprechbla¬ sen oder andere Mittel. Welche Werke haben Sie beeinflusst? In Bezug auf die Handlung haben mich koreanische Autoren inspiriert. Ich denke da v. a. an Lee Hee-jae (geb. 1952) und Oh Se-young (geb. 1955), die die Vaterfiguren unserer Generation treffend darstellten. Was das Zeichnen betrifft, habe ich mich nie für besonders begabt gehalten, da die meisten meiner Kunstwerke eher abstrakt als figurativ waren und ich mehr im Bereich Installation und Skulptur gearbeitet, als gezeichnet habe. Zu den Künstlern, die defi¬nitiv meinen graphischen Malstil beeinflusst haben, zählen Edmond Baudoin und José Muñoz, der Der Fremde von Camus als grafischen Roman adaptierte, wobei mich insbe¬sondere das Gewicht seiner schwarzen Pinselstriche beein¬druckt hat. Auch die Arbeiten von Joe Sacco oder Jacques Tardi haben in mancher Hinsicht auf mich gewirkt. Welche Frühwerke stellen die Künstlerin Gendry-Kim am besten vor? Ich verwebe autobiografische Geschichten mit Din¬gen, die ich in meinem Alltagsleben empfinde, und den Geschichten von Menschen, die ich treffe. Dabei konzent¬riere ich mich gezielt auf Geschichten mit historischen und sozialen Bezügen, und versuche, sie mit dem von mir selbst Erlebtem zu verbinden.“ In Ihrem Frühwerk beschäftigten Sie sich mit Ihrem Vater, jetzt mit Ihrer Mutter. The Waiting (2020) erzählt von meiner Mutter. Vor zwan¬zig Jahren, als ich in Paris studierte, besuchte mich meine Mutter und erzählte mir etwas Tragisches: Ihre älteste Schwester, sei in Nordkorea. Vor langer Zeit hätte die Fami¬lie meiner Mutter eine große Reise von ihrem Heimatort Goheung in der Provinz Jeollanam-do in die Mandschu¬rei unternommen und auf dem Weg einen Zwischenhalt in Pjöngjang gemacht. Irgendetwas sei dort passiert, sodass meine Mutter in den Süden zurückkehrte, aber meine Tante im Norden blieb. Bevor Mutter mir davon berichtete, hatte ich keine Ahnung, dass es so eine Familiengeschichte gab.Als die Treffen der in Nord- und Südkorea getrennt leben¬den Familien stattfanden, traf es Mutter schwer, dass sie nicht auf der Prioritätenliste stehen konnte. Jemand muss¬te diese Geschichte erzählen und ich beschloss, dass ich es sein sollte. Zudem betrifft die Frage der getrennten Fami¬lien nicht nur meine Familie, es ist vielmehr ein universel¬les Problem der Menschheit, das an allen Kriegsorten der Welt aktuell ist. Letzten Endes wollte ich thematisieren, wie Kriege die Schwachen zu Opfern machen, sie aus ihrer Hei¬mat vertreiben und in alle Winde zerstreuen. Grass könnte man auch „Tragödie der Menschheit“ nen¬nen. Wenn ich mich recht zurückbesinne, so war der Auslöser für Grass eine Doku über das Leid der Trostfrauen aus den frühen 1990er Jahren. Zudem hatte ich danach die Gelegen¬heit, in Frankreich bei einer Veranstaltung über die Trost¬frauenfrage zu dolmetschen. Beim Lesen der Unterlagen für die Vorbereitung des Dolmetscheinsatzes konnte ich noch mehr erfahren. Resultat war, dass ich 2014 die grafische Erzählung Secret als Beitrag für das Internationale Comic¬festival von Angoulême einreichte. Ich wollte Leben und Leiden der Trostfrauen aus Sicht einer Trostfrau darstellen.Da Secret jedoch nur eine Kurzerzählung war, konnte ich dieses schwierige Thema nicht so eingehend, behandeln. Deshalb arbeitete ich weitere drei Jahre daran und quälte mich ab, einen grafischen Roman daraus zu machen. Ich näherte mich dem Thema der Trostfrauen im Rahmen der Frage der Gewalt gegenüber Schwachen, des Imperialis¬mus und der gesellschaftlichen Stratifikation. Als ich Frau Lee Ok-seon interviewte, die im Roman vorkommt, stimm¬te mich die Art und Weise, wie man sie zum Schweigen gebracht hatte, besonders traurig. Frau Lee war Opfer eines grausamen Krieges, ein Opfer, das seine Stimme nicht erhe¬ben konnte, und selbst nach Kriegsende durch die vorherr¬schende gesellschaftliche Stimmung zum Schweigen ver¬dammt war – gerade darüber wollte ich erzählen. Ihre Graphic Novels werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Allein Grass erschien in 14 Sprachen. Warum haben Ihre Werke eine so allgemeine Anziehungskraft? Die meisten Übersetzungen meiner Graphic Novels erschienen in Frankreich. Was die japanische Ausgabe von Grass betrifft, so war ich überrascht, dass die Menschen dort die Initiative ergriffen und Veröffentlichung und Ver¬breitung durch Crowdfunding unterstützt haben. Vor allem bin ich den Übersetzern dankbar. Meine Geschichten sind ungewöhnlich und erzählen von menschlichem Leid, was die Übertragung in eine andere Kultur und Sprache nicht einfach macht. Mein Dank gilt allen ÜbersetzerInnen, dar¬unter Mary Lou, die die italienische Übersetzung anfertigte, der koreastämmigen Kanadierin Janet Hong, die die Über¬tragung ins Englische übernahm, und Sumie Suzuki, die ins Japanische übersetzte. Dank all der Hilfe konnten Sinn und Bedeutung des Buches angemessen vermittelt werden. Haben Sie schon ein neues Werk in Planung? Jeden Tag gehe ich mit meinen Hunden spazieren. Es ist natürlich nicht allein deswegen, aber ich habe da so ein Konzept für ein Werk über die Beziehung zwischen Mensch und Hund im Kopf, die Grundskizze ist sogar schon fertig. Voraussichtliche Veröffentlichung ist Sommer 2021, der Titel: Hund. Gendry-Kims jüngste Graphic Novel beleuchtet die Beziehung zwischen Hunden und Menschen. Das Werk soll gegen Ende dieses Jahres von Maumsup Press in Seoul veröffentlicht werden und im Frühjahr 2022 von Futuropolis in Frankreich. Die Graphic Novels von Gendry-Kim (im Uhrzeigersinn von links): englische Ausgabe von Grass (Drawn & Quarterly, Kanada, 2019), koreanische Ausgabe von Grass (Bori Publishing, 2017), japanische Ausgabe von Grass (Korocolor Publishers, 2020), portugiesische Ausgabe von Grass (Pipoca & Nanquim, Brasilien, 2020), englische Ausgabe von The Waiting (Drawn & Quarterly, Kanada, Sept. 2021), französische Ausgabe von The Waiting (Futuropolis, Frankreich, 2021), koreanische Ausgabe von The Waiting (Ttalgibooks, 2020), koreanische Ausgabe von Alexandra Kim: Daughter of Siberia (Seohaemunjip, 2020). Kim Tae-hun JournalistHa Ji-kwon Wochenzeitschrift Weekly Kyunghyang Fotos

NIKOS VOLLKOMMENE ZUFRIEDENHEIT

In Love with Korea 2021 SUMMER 107

NIKOS VOLLKOMMENE ZUFRIEDENHEIT CULTURE & ART--> NIKOS VOLLKOMMENE ZUFRIEDENHEIT Der langjährige Koch Nikolaos Kordonias serviert mit Freude die mediterrane Küche seiner Kindheit. Er kocht alles selbst in seinem Restaurant in Seoul, wo er sich nach vielen Jahren unterwegs, nach Arbeit in verschiedenen Küchen endgültig niedergelassen hat. In einer winzigen Gasse im Zentrum des alten Seoul, nur einen Straßenzug von Ikseon-dong entfernt, lockt unerwartet eine Oase griechischer Kultur. Niko Kit¬chen, das sich in einem traditionellen koreanischen Hanok- Haus befindet, präsentiert echte griechische Küche und baut so eine treue Kundschaft auf.Eigentümer und Maître de Cuisine Nikolaos Kordonias, besser bekannt als „Niko“, schwärmt von seiner Kindheit auf der ägäischen Insel Samothraki, der Heimat des mythi¬schen „Heiligtums der Großen Götter“, darunter auch die geflügelte Siegesgöttin Nike.Nikos Beschreibung seines antiken Geburtsortes ist idyl¬lisch und beschwört Bilder einer griechischen Insel voller weiß getünchter Villen herauf: „Wunderschön, ruhig, nette Leute. Der Lebensrhythmus ist gemächlich. Die Menschen sind entspannt, gelassen. Sie machen sich keine Sorgen. Sie haben ihre Häuser, ihre Arbeit. Sie erwarten nicht viel vom Leben. Aber sie haben ihre eigenen Maßstäbe und sie sind glücklich.“Und natürlich gibt es „sehr gutes Essen“. Das Gespräch verweilt bei biologischen Erzeugnissen, frischem Huhn und leckerem Fisch aus dem kobaltblauen Meer rund um Samo¬thrake. In seinen Kinderjahren faszinierte ihn das von Mut¬ter und Großmutter zubereitete Essen. „Es waren die Düfte, denke ich“, sagt Niko.All das prägt heute sein Leben und seine Arbeit. Als er 2004 nach Korea kam, fielen ihm sofort die Düfte verschie¬dener Gerichte auf. Schon bald folgte er bei seinen Spazier¬gängen seiner Nase. „Die Gerüche von den Essensständen, das Grillen von Spießen in den Straßen – das war anders. Es lag in der Luft – das Chili, das Kimchi“, erinnert er sich. Niko hatte damals ein Stellenangebot von Santorini ange¬nommen, einem mittlerweile geschlossenen griechischen Restaurant im Seouler Stadteil Itaewon, das für seine pul¬sierenden Straßen mit internationalem Flair bekannt ist. Er hatte keinerlei Vorstellung, wie Korea sein würde, keinerlei Erfahrung außer dem Taekwondo-Unterricht als Kind. Aber hierher zu ziehen war keine schwierige Sache, ans Umzie¬hen war er gewöhnt. Nachdem er auf Kreuzfahrtschiffen, die an den Häfen im Mittelmeer und in der Karibik anleg¬ten, gearbeitet hatte, lernte er an einem Kulinarik-Institut in New York und arbeitete mit Spitzenköchen in Manhattan. Danach verbrachte er etwa sechs Jahre in Kanada, wo ein Bekannter mehrere Restaurants besaß. Jeden Morgen öffnet Besitzer und Chefkoch Nikolaos Kordonias das Tor zu seinem in einem traditionellen Hanok-Haus in der Nähe des Königspalastes Changdeok-gung befindlichen Restaurants. Das Namensschild zeigt eine koreanische Transkription von „Niko Kitchen“. Korea zur Heimat machen Während Niko als Koch in Itaewon arbeitete, lernte er Seo Hyeon-gyeong kennen, die in dem Gebäude, in dem Santo¬rini untergebracht war, arbeitete. Sie begegneten sich beim Kommen und Gehen und heirateten schließlich. Niko ver¬gaß alle Gedanken an eine Rückkehr nach Griechenland und Seo legte ihren Plan, nach Japan zurückzukehren, wo sie viele Jahre gelebt hatte, auf Eis. „Manche Dinge sollen einfach sein“, sagt Niko mit Blick auf die Art und Weise, wie Seoul zu seiner Wahlheimat wurde.2018 eröffneten Niko und seine Frau Niko Kitchen. Er hatte zwar nicht speziell nach einem Hanok gesucht, aber der architektonische Stil gefiel ihm. Als er das Hanok über¬nahm, übernahm er auch die beiden Haechi-Steinstatuen (Haechi: mythisches, löwenartiges Wesen, das vor Unheil schützt). Sie stehen jetzt Wache in dem kleinen Hof voller blühender Kübelbäume.Niko Kitchen befindet sich in einer Gasse neben einer Straße, die einst von Soldaten des Joseon-Reichs (1392- 1910) für ihre Patrouillen rund um den königlichen Ahnen¬schrein Jongmyo benutzt wurde. Daneben liegt der Palast Changdeok-gung, eine UNESCO-Weltkulturerbestätte. In der Nähe befindet sich ein historischer buddhistischer Tem¬pel und nur wenige Schritte die Gasse entlang ist das Saek¬dong Museum, wo traditionelle koreanische Stoffe mit bun¬ten Streifen ausgestellt sind.Das Restaurant ist täglich geöffnet und Niko kocht alles selbst. Seine Frau nennt ihn einen Workaholic, aber Niko wirkt glücklich und zufrieden. „Das ist mein Leben und ich liebe es“, sagt er. „Ich liebe Essen. Ich liebe es, wenn das Essen den Leuten schmeckt, wenn sie lächeln und wieder¬kommen.“Zwischen Mittag- und Abendessen gönnt Niko sich eine Pause: Er schlendert durch Seoul, zu den Palästen und Tem¬peln, und auch zum Cheonggye-cheon, dem renaturierten Fluss durch die Innenstadt. Vor der COVID-19-Pandemie genoss er es, sich in einer Sauna zu entspannen, doch darauf muss er vorerst verzichten. Die Gäste genießen eine gemütliche Mahlzeit, nippen an ihrem Wein und entspannen sich. Das ist es, was Niko gerne sieht, und die Stimmung, die er liebt. Niko erledigt alle Kocharbeiten. Seine Menüs umfassen neben griechischer Hausmannskost auch einige spanische und italienische Gerichte. In Niko Kitchen gibt es nur vier, fünf Tische, weshalb sich eine vorherige Reservierung empfiehlt. Niko hofft, eines Tages ein größeres, ausschließlich auf griechische Küche spezialisiertes Restaurant eröffnen zu können. Von Feinschmeckern entdeckt Da Niko Kitchen an einem ruhigen Ort abseits des leb¬haften Treibens von Ikseon-dong liegt, gibt es wenig Lauf¬kundschaft. Dennoch ist es immer ausgebucht. Koreas uner¬sättlicher Appetit auf Kochsendungen führte zur Eröffnung des Restaurants, und Niko trat nicht nur als Gast, sondern auch als Juror in mehreren Fernsehshows auf, darunter Yeo¬giGO (GEHE hierhin) und O’live Show (auf dem Kabel¬sender Olive). Als die Medienaufmerksamkeit zunahm, erschienen Restaurantbesucher schon frühmorgens und bombadierten ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Anru¬fen und Mails. Niko weiß die Vorteile seiner TV-Präsenz zwar zu schätzen, möchte sich aber erst einmal seiner eige¬nen Küche widmen.Die Speisekarte basiert auf griechischer Hausmannskost. Moussaka, ein traditionelles Gericht mit Auberginen und Hackfleisch, ist ein Dauerbrenner bei den Gästen. Ande¬re Favoriten sind griechischer Salat mit Fetakäse, Burrata- Salat, Hähnchen-Souvlaki und Garnelen-Saganaki.Da griechisches Essen vielen Koreanern noch unbekannt sein kann, umfasst die Speisekarte auch Pizzen und Pasta, jedoch zubereitet á la Niko mit hausgemachtem Sauerteig. Er entschied sich für Fusionsküche, damit ihm die Hände nicht gebunden sind, und genießt die Freiheit, nach Lust und Laune auch spanische oder italienische Gerichte anzubieten.Gleichwohl bleibt der Schlüssel zu all seinen Menüs ein und derselbe: mediterraner Stil, gesund und mit frischen, natürlichen Zutaten zubereitet; meist vegetarisch, ohne Zucker und so wenig wie möglich frittiert. War die Beschaf¬fung griechischer Zutaten anfangs noch schwierig, so fin¬det er heute alles, was er braucht, online. Wenn schnell eine bestimmte Käsesorte oder eine andere Zutat besorgt werden muss, schaut er auf dem Weg zur Arbeit bei den Geschäften in Itaewon vorbei, wo er auch heute noch lebt. Wie die meisten Gaststätten, so erlitt auch Niko Kitchen während der COVID-19-Pandemie Verluste. Es hat sich mittlerweile aber vollständig erholt. Viele der Besucher sind Stammgäste, darunter auch Mitarbeiter der griechi¬schen Botschaft und sogar Mönche aus dem nahe gelegenen Tempel, dessen mit Szenen aus den buddhistischen Sutras bunt geschmückte Fassade über dem Eingangstor des Res¬taurants zu sehen ist. Die Gäste genießen eine gemütliche Mahlzeit, nippen an ihrem Wein und entspannen sich. Das ist es, was Niko gerne sieht, und die Stimmung, die er liebt. Griechischer Salad aus frischen Tomaten, Oliven, Gurken und Zwiebeln garniert mit Fetakrümeln ist eins der Spezialgerichte von Niko Kitchen. Erinnerungsstücke an Griechenland zieren Niko Kitchen. Magnete mit Fotos von berühmten griechischen Orten schmücken eine Seite des Kühlschranks. Blick in die Zukunft Wenn Niko über seine Wahlheimat sinniert, erwähnt er die gepflegten Gebäude und Straßen, das Fehlen von öffent¬lichen Schandflecken wie Graffiti sowie das gebildete und höfliche Volk. „Es ist wie ein Paradies, der perfekte Ort. Deshalb bin ich glücklich, hier zu sein“, erklärt er.Obwohl Niko sagt, dass er Griechenland nicht besonders vermisse, möchte er doch einmal nach Samothrake, sobald die Pandemie vorbei ist und die Welt zu heilen beginnt. Er will etwas entspannen, seine Familie und Freunde wieder¬sehen, gut essen und im Meer angeln. Er freut sich auch auf den nächsten Schritt in seinem Leben: die Eröffnung eines größeren Restaurants, das ausschließlich griechi¬sche Gerichte serviert und keine Fusionsküche. Er hat das Terrain mittlerweile sondiert und eine Vorstellung davon, was die Leute mögen und was nicht. All seine Erfahrungen und sein Wissen will er für Eines aufwenden: „Ich möchte Menschen glücklich machen – und dabei auch etwas Geld machen.“„Iss gut, und du fühlst dich gut“ – so Nikos einfache Phi¬losophie. Seine Frau pariert mit der aufschlussreichen Erwi¬derung, Niko möge Hamburger und gönne sich gelegent¬lich Kentucky Fried Chicken. Essen ist das, was ihn nach Korea gebracht hat, was ihn hier hält und was ihn glücklich macht. „Am Ende des Tages fühlt man sich erschöpft, wenn die Leute nicht zufrieden sind. Aber wenn sie zufrieden sind und lächeln, dann verschwinden alle Probleme mitsamt der Müdigkeit.“ Cho Yoon-jung Freiberufliche Schriftstellerin, ÜbersetzerinHeo Dong-wuk Fotos

Campen im eigenen Auto

Lifestyle 2020 WINTER 207

Campen im eigenen Auto „Car-Camping“ ist eine neue Freizeitbeschäftigung in Korea, die Reiselustigen auch ohne die Anschaffung eines teuren Wohnmobils Campen ermöglicht, und zwar im eigenen Auto. Angesichts der mit COVID-19 aufgekommenen Notwendigkeit der sozialen Distanzierung erfreut sich diese Outdoor-Aktivität großer Beliebtheit in Korea. Ein Car-Camper am See Chungju. Car-Camping macht einfaches Entspannen fern von regulären Campingplätzen möglich, für die es oft Wartelisten gibt. © Lee Jung-hyuk „Schieben Sie zuerst die Vordersitze möglichst weit nach vorne. Dann klappen Sie die Sitze in der zweiten Reihe in dieselbe Richtung um“, erklärt ein YouTuber und zeigt dabei auf den Innenraum seines Stadtgeländewagens (SUV). In weniger als 30 Sekunden schafft er so mehr Platz und fügt hinzu: „Bevor ich die Isomatte ausrolle, messe ich zunächst Länge und Breite des frei gewordenen Raums, um zu sehen, ob ich mich auch hinlegen kann.“ Zwei Meter lang, einen Meter breit. Passt. „Jeder erwachsene Mann kann sich hier bequem hinlegen“, sagt er mit einem Lächeln. „Und auch mit Freund oder Freundin ist es noch gemütlich.“ Das im Juli letzten Jahres auf YouTube hochgeladene Video verzeichnete im Oktober 2020 bereits über 100.000 Aufrufe. „Car-Camping“ bedeutet Übernachten im Auto. Da denkt man zunächst einmal an ein Wohnmobil mit Bett und Kücheneinrichtung, doch bei diesem neuen Camping-Stil verreisen Sie mit nur minimaler Grundausstattung und übernachten im eigenen Wagen. SUVs bieten sich aufgrund ihres größeren Innenraums besonders dafür an. Wenn Sie die hinteren Sitze ausbauen, entsteht hinreichend Schlafraum für eine Übernachtung. Diese neue Form des Reisens mit leichtem Gepäck lockt mit echtem Abenteuerfeeling. Neue Freizeitkultur Laut einem Bericht der Korea Automobile Manufacturers Association stieg der Absatz von Pickups, die die Vorzüge von LKW und PKW kombinieren, von rd. 22.000 Einheiten im Jahr 2017 auf ca. 42.000 im Folgejahr. Nach Angaben der Korea Agency of Camping and Outdoor Industry wuchs das Volumen der heimischen Camping-Branche im gleichen Zeitraum von 2 Bio. Won (rd. 1,5 Mrd. €) um über 30% auf 2,6 Bio. Won (rd. 1,9 Mrd. €). Auch der Campingausrüstung-Markt verzeichnete 2020 ein explosives Wachstum. Eine Umsatzanalyse des Online-Einkaufszentrums SSG.com für den Zeitraum Juni/Juli zeigt, dass der Umsatz von Auto-Anbauzelten und Luftmatratzen gegenüber den beiden Vormonaten jeweils um satte 664% bzw. 90% stieg. Die Verkaufszahlen von Kühlboxen, einem weiteren wichtigen Camping-Zubehör, haben sich mehr als verzehnfacht. Einer Analyse der Discounter-Kette Lotte Mart zufolge stieg der Umsatz von Camping-Möbeln einschließlich Stühlen und Tischen im selben Zeitraum um 103,7% im Vergleich zum Vorjahr; bei Camping-Bettzeug wie Schlafsäcke und Luftmatratzen betrug der Anstieg 37,6%, bei Zelten 55,4% und bei Kochutensilien 75,5%. Das Übernachten im Auto ist seit etwa 2018 ein breites Gesprächsthema und ein entsprechend beliebter Stoff für Fernsehsendungen. Im März 2020 wurde in einer Folge von I Live Alone, einer repräsentativen Reality-Show des Senders MBC TV, ein junger Schauspieler gezeigt, der mit dem Mitglied einer Boygroup Car-Camping am Strand genoss. Er hatte die Rückbank komplett ausgebaut und schuf mit Glühbirnenketten eine heimelige Atmosphäre. Nach der Ausstrahlung tauchte „Car-Camping“ auf den Portalseite-Listen der Echtzeit-Suchbegriffe auf und in den Sozialen Medien wurden unzählige Beiträge mit begeisterten Reaktionen hochgeladen. Wenn Sie auf Instagram nach dem Hashtag „Car-Camping“ suchen, werden Hunderttausende von Treffern erscheinen. Das Innere eines SUV, ausgestattet nach dem Geschmack eines Campers. Eine Schlafmatte ist das A und O. Das Innere kann dann je nach Geschmack spartanisch oder auch aufwändig dekoriert sein. © Kim Nam-jun SUVs sind wegen ihres breiten Innenraums die bevorzugte Wahl für Car-Camping. Die Besitzer normaler PKWs klappen ihre Sitze zurück und machen es sich auf dem etwas engerem Raum bequem. © gettyimages Der größte Pluspunkt beim Car-Camping ist, dass man egal wo auch immer übernachten kann und sich nicht erst um einen Stellplatz auf einem ausgewiesenen Campingplatz oder im Erholungswald kümmern muss. Auf und los! Es gibt mehrere Gründe für das rasante Wachstum dieser Auto-orientierten Freizeitbeschäftigung. Zuallererst können Sie von jetzt auf gleich ohne groß zu planen starten. Am Freitag können Sie nach Arbeitsschluss beschließen, an den Strand zu fahren oder am nächsten Morgen irgendwo frische Waldluft zu genießen. Eine YouTuberin erhielt für ein einziges Video über Car-Camping mehr als 400.000 Aufrufe. Sie sagte, dass es für diejenigen, die bewusst Zeit alleine verbringen möchten, nichts Schöneres gibt als eine Nacht im Auto. Außerdem brauche man keine spezielle Ausrüstung. Ein paar Fertiggerichte und eine Flasche Wein, und schon ist alles bereit für einen Camping-Ausflug. Außerdem erübrigt es sich, einen Platz auf einem regulären Campingplatz zu reservieren, was wegen der hohen Nachfrage bei registrierten Campingplätzen mit langen Wartezeiten verbunden sein kann. Bei Car-Camping können Sie überall dort übernachten, wo Sie Ihr Fahrzeug parken dürfen. Der Ausbruch von COVID-19 dürfte zu diesem Camping-Boom beigetragen haben. Denn in der gegenwärtigen Situation, in der persönliche Kontakte möglichst vermieden werden sollten, hilft Car-Camping – sei es nun alleine oder mit der Familie – dem Corona-Stress zu entkommen. Ein Beweis dafür ist, dass die Mitgliederzahl des Car Camping Club, Koreas größter Online-Community von Car-Campern auf der Portalseite Naver, von rd. 80.000 Ende Februar 2020 auf ca. 170.000 Anfang September emporgeschnellt ist. Aber es gibt auch Kehrseiten. So sind Luftmatratzen nicht so bequem wie Standardmatratzen, weshalb die Übernachtung im Auto für empfindliche Schläfer nicht gerade ideal sein dürfte. Hinzu kommt, dass ein erholsamer Schlaf in der Regel eine ebene Oberfläche voraussetzt. Mit der 2020 erfolgten Überarbeitung des Kraftfahrzeugmanagement-Gesetzes ist in Korea die Umwandlung von PKWs in Camping-Fahrzeuge zwar erlaubt, aber es ist nicht immer einfach, für eine flache Oberfläche zu sorgen. Und natürlich ist das Übernachten im Auto keine attraktive Alternative für diejenigen, die aufs Duschen nicht verzichten wollen. Gesunde Campingkultur: eine Marktnische Im Sommer ist es im Wagen heiß, im Winter kalt, was die Bequemlichkeit beeinträchtigt. Es kann aber gefährlich sein, Klimaanlage oder Heizung im Auto lange Zeit eingeschaltet zu lassen. Möchte man solch wetterbedingten Unbequemlichkeiten entgehen, wird empfohlen, sich mit Ladegeräten oder Standheizungen auszurüsten. Darüber hinaus: Um sich im Camper vor unerwünschten Insekten zu schützen, ist die Anschaffung eines Moskitonetzes ratsam. Hat man erst einmal mit dem Kaufen der Grundausrüstung begonnen, wächst die Versuchung, mit dem Blick auf höherem Komfort für den nächsten Trip in noch hochwertigeres Equipment zu investieren. Ein YouTuber gestand, dass er wegen seiner Leidenschaft für High-End-Ausrüstung ganz mit dem Car-Camping aufgehört habe. Der größte Pluspunkt beim Car-Camping ist, dass man egal wo auch immer übernachten kann und sich nicht erst um einen Stellplatz auf einem ausgewiesenen Campingplatz oder im Erholungswald kümmern muss. Die meisten Car-Camper bevorzugen mit öffentlichen Toiletten ausgestattete Parks, Strände oder Flussufer.Dem Trend entsprechend gibt es viele beliebte Autocamping-Plätze. Doch immer mehr solche öffentlichen Plätze regulieren den Zugang aufgrund der Probleme, die freies Zelten und Kochen verursachen. So ist es z. B. vorgekommen, dass bei einem unerwarteten Ansturm illegal Müll entsorgt und die Umwelt geschädigt wurde. Wenn sich jedoch eine gesunde Kultur etabliert, kann Car-Camping sich zu einer vernünftigen und preisgünstigen Art des Reisens im Corona-Zeitalter entwickeln.

verliebt in korea Beleuchtung des koreanischen Films

In Love with Korea 2020 AUTUMN 264

verliebt in korea Beleuchtung des koreanischen Films Durch eine Verwechslung entdeckte der Ire Pierce Conran als Jugendlicher den koreanischen Film, was ihn schließlich nach Korea brachte, wo er aus seiner Leidenschaft einen Beruf machte. Heute produziert er Filme, verfasst Kritiken und schreibt für Fans des koreanischen Kinos in aller Welt. Pierce Conran ist ein Filmfan, der sich pro Jahr bis zu 800 Filme anschaut. Sein absoluter Favorit ist Bong Joon-hos Memories of Murder, der Film, der ihn nach Korea brachte. Der erste koreanische Film, den Pierce Conran sah, war alles andere als „Teenagerliebe auf den ersten Blick“. Beim Stöbern in einem DVD-Laden geriet er, angelockt von dem verfänglichen Titel und dem auffälligen Cover, an einen Film, von dem er dachte, es sei eine der „interessanten und angesagten“ japanischen Produktionen. Stattdessen sah er Teil 1 der blutigen Rache-Trilogie des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook (geb. 1963): Sympathy for Mr. Vengeance (2002). „Ich fand den Film gewalttätig und grausam. Ich wusste einfach nicht, was ich damit anfangen sollte“, meint Conran. „Ehrlich gesagt, verabscheute ich ihn so sehr, dass ich jedem, dem ich begegnete, davon erzählte.“ Doch dieser Film ließ Conran nicht los. Einige Wochen später musste er ihn sich einfach noch einmal ansehen. „Plötzlich begann er mir zu gefallen“, erinnert er sich. „Beim zweiten Schauen begriff ich langsam, dass ein Sinn, eine Absicht dahintersteckt. Ich konnte zwar die Intention des Regisseurs nicht ganz nachvollziehen, wollte aber unbedingt mehr darüber herausfinden.“ Mit einer Mischung aus Aversion gegenüber und Neugier auf Korea schaute sich Conran alle koreanischen Filme, die er auftreiben konnte, an. Seine jungen Jahre verbrachte der damals 16-Jährige im schweizerischen Fribourg, der Heimat des Gruyère-Käses. Die Nachbarn waren meist Bauern und morgens wurde er von Kuhglocken geweckt. Während seiner etwas einsamen Kindheit in dieser idyllischen Umgebung wurden Filme seine Freunde. Mit zwölf Jahren kehrte Conran nach Irland zurück, wo er ein Internat in Dublin besuchte und seine Freizeit im nahe gelegenen Kino verbrachte. Das war in den 1990ern, einer Zeit, in der der moderne asiatische Film international an Aufmerksamkeit zu gewinnen begann. Autor, Rundfunkjournalist, Produzent Ein Satz reicht, um einen Einblick in Conrans Arbeitsleben in Korea zu geben: „Grundsätzlich bemühe ich mich, bei allem, was mit koreanischem Kino zu tun hat, auf irgendeine Weise mitzumachen.“ Dieses Jahr war er z. B. Jury-Mitglied beim jährlich im Juli stattfindenden Bucheon International Fantastic Film Festival (BIFAN). Aufgabe Conrans ist es, Cineasten auf der ganzen Welt über koreanische Filme zu informieren. Seine Haupttätigkeit ist die Edition der englischsprachigen Ausgabe von KoBiz, der Website des Korean Film Council (KOFIC). Er schreibt Features, Beiträge über Neuigkeiten sowie Kolumnen und plant, einen diesbezüglichen YouTube-Kanal zu moderieren. Neben Schreib- und Produktionstätigkeiten tritt er regelmäßig in Sendungen des englischsprachigen Kabelfernsehkanals Arirang und des Hörfunksenders TBS (Traffic Broadcasting System) auf. Zudem schreibt er für die kanadische Website ScreenAnarchy, die sich hauptsächlich mit Indie-Filmen befasst, und ist für die US-Filmproduktions- und Vertriebsgesellschaft XYZ Films mit Hauptsitz in Los Angeles tätig. Die Filmproduktion ist sein Zweitjob. Zurzeit produziert Conran ein Stück von Regisseur Lee Sang-woo, dessen Werke als „Inbegriff des koreanischen Indie-Films“ gelten. Mit Streifen wie z. B. Mutter ist eine Hure (2011), Vater ist ein Hund (2012) und Ich bin Abfall (2016) thematisiert der Filmemacher die Schattenseiten der Gesellschaft. Die jüngste Conran-Lee-Kollaboration ist ein 2019 erschienener Teil der Horror-Anthologie Deathcember, an der verschiedene Regisseure aus aller Welt beteiligt waren. Conran und Lee hatten sich 2012 beim Cinema Digital Seoul Film Festival (CinDi) kennengelernt und Lee hatte damals eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Zu der Zeit machte sich Conran in der koreanischen Filmszene langsam einen Namen. Vor Abschluss seines M. A.-Studiums in Französischer Literatur und Filmwissenschaft am Trinity College Dublin hatte er 2010 den Blog Modern Korean Cinema gestartet und sprang zwischen Bloggen und Verfassen seiner Masterarbeit über Memories of Murder (2003) von Bong Joon-ho hin und her. Diese Bemühungen führten zu Vortragseinladungen zu Konferenzen und zahlreichen internationalen Veranstaltungen. Bloggen war zudem eine Möglichkeit, online mit Fans des koreanischen Films zu kommunizieren, darunter mit Filmkritiker Darcy Paquet, den mittlerweile jeder Koreaner kennt, da er die englischen Untertitel für den Oscar-gekrönten Film Parasite (2019) von Bong Joon-ho verfasste. Als Paquet vorschlug, Conran solle doch nach Korea kommen, bedurfte es keiner großartigen Überredungskünste, denn Conran hatte schon längst einen Koreaaufenthalt beschlossen. 2012 kam er in Korea an, wo er anfangs in einem Englisch-Hakwon (privates Lerninstitut) unterrichtete. Aber schon wenige Monate später bekam er den Editor-Job für KoBiz. Danach ging alles sehr schnell. Pierce Conran ist zwar in erster Linie Filmkritiker, steht aber auch hin und wieder vor der Kamera. So hatte er einen Kurzauftritt als Journalist in Yeon Sang-hos im Juli 2020 herausgekommenen Film Peninsula, der Fortsetzung des Zombie-Blockbusters Train to Busan (2016). © Next Entertainment World Tiefer eintauchen Für Conran sind diese rasanten Veränderungen zwar reines Glück, Grundstein dafür waren aber seine Fimleidenschaft und sein „Hang zur Besessenheit“. Kurz gesagt: Seine Begeisterung ließ ihn neue Chancen ergreifen. „Meine enthusiastische Haltung hat mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert, v. a. im privaten Bereich,“ fügt er hinzu. „Ich hatte ohne Zweifel großes Glück, aber ab und zu mache ich mir Sorgen, dass jemand mir den Zauberteppich unter den Füßen wegziehen könnte. Mal ganz ehrlich: Zurückzuführen ist das alles doch auch darauf, dass ein westlicher Weißer eine positive Meinung über den koreanischen Film hatte. Das hat sich zu meinem Vorteil ausgewirkt, dessen bin ich mir völlig bewusst.“ In seinem Privatleben spielte die Ehe mit der Regisseurin Lee Kyung-mi eine bedeutende Rolle. In einem Zeitungsartikel wurde Conran als „Seongdeok“ bezeichnet, was so viel wie „erfolgreicher Fan“ bedeutet und auf Anhänger von K-Pop-Stars referiert, die ihr Idol persönlich treffen konnten. Lachend sagt er: „Ich war ein großer Fan von Kyung-mis Crush and Blush von 2008 und freute mich schon auf ihren nächsten Film.“ Sie lernten sich auf einer Party kennen, wo ein befreundeter Regisseur Lee zu ihm herüberbrachte und dann laut gerufen haben soll: „Darf ich vorstellen: Lee Kyung-mis neuer Freund!“ Trotz dieses etwas peinlichen Beginns – seiner Erinnerung nach hatte er damals, sich die Arme reibend, „Oh, hallo“ gesagt und dann einfach da gestanden, als die Leute Fotos schossen – nahmen die Dinge einen natürlichen Lauf und 2018 heirateten die beiden. Neben seinen zahlreichen Tätigkeiten unterstützt Conran seine Frau auf vielfältige Weise beim Filmemachen. In ihrem Beitrag zur vierteiligen Netflix-Anthologie Persona (2018) spielte er den Part des potentiellen Freundes der Protagonistin, die von K-Pop Star IU gespielt wird. Das Mädchen verspricht ihm ein Date unter der Bedingung, dass er dafür zuerst die neue Freundin (gespielt von Bae Doona) ihres Vaters verführt. Conran hat zwar keine Absicht, Schauspieler zu werden, erklärt aber: „Ich liebe es einfach, am Set dabei zu sein. Auf diesem Level mitmachen zu dürfen, ist für mich aufregend.“ Er ist auch in Peninsula (2020) zu sehen, der im Sommer 2020 erschienenen Fortsetzung von Yeon Sang-hos Zombie-Thriller Train to Busan aus dem Jahr 2016. “Korean cinema is so great because it effectively tries to expunge all the bad things, the tribulations of generations through 20th century history and modern social ills.” --> In die Zukunft Aus Conrans Sicht hat die Einstellung zum koreanischen Film im Laufe der letzten Jahre Veränderungen erfahren, wofür Parasite ausschlaggebend war. Das Niveau, die einzigartigen Themen und der hohe Produktionswert koreanischer Filme hätten international schon immer ziemlich hohes Ansehen genossen, aber während in der Vergangenheit glänzende Kritiken oft noch etwas gezwungen anmuteten, so sei es heute ganz anders. „Koreanisches Kino hat unendlich viel Potenzial,“ meint Conran. „Genrefilme liegen weltweit im Trend, was sich vorteilhaft für Korea auswirkt.“ Zudem etablieren sich Streaming-Dienste immer mehr, ein Trend, der durch die soziale Distanzierung infolge der COVID-19-Pandemie noch weiter verstärkt wird. Conran glaubt, dass die koreanische Unterhaltungsindustrie, die ihr Potenzial mit TV-Serien hinreichend bewiesen hat, große Vorteile besitzt. Was ihm Sorgen bereitet, ist jedoch die Begrenztheit der Inhalte: „Was Handlung und Musik betrifft, so finden sich heutzutage überall methodische Anlehnungen an z. B. Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Christopher Nolan. Vor 15 Jahren gab es zwar viele Flops bzw. Herumexperimentiererei, das war aber hoch spannend. Heute sind die Filme zu aufpoliert und viele ähneln einander.“ Conrans Filmgeschmack ist breit gefächert, aber er hat eine besondere Vorliebe für Genrefilme mit unklaren oder starken Botschaften. Memories of Murder ist sein absoluter Favorit. Dieser von ihm als „perfekt“ bewertete Film ist auch das Werk, das ihn fesselte und nach Korea brachte. Was er an koreanischen Filmen am meisten liebt, hat eigentlich viel mit dem zu tun, was ihm an seiner Wahlheimat nicht so gefällt. „Als ich zum ersten Mal nach Korea kam, fand ich alles spannend und aufregend, alles war einfach toll. Aber dann war das plötzlich mein Alltagsleben und es gab Aspekte, die mir missfielen.“ Damit meint er z. B. Geschäftspraktiken, patriarchalische Strukturen und verschiedene soziale Probleme. „Das Großartige an koreanischen Filmen ist, dass sie versuchen, alles Schlechte, all das Leid, das die einzelnen Generationen in der Geschichte des 20. Jhs erleben mussten, und alle Übel der modernen Gesellschaft überwinden zu helfen.“ So haben sich Conrans Gefühle gegenüber Korea mit der Zeit verändert. „Als ich durch meine Heirat in eine neue Familie aufgenommen wurde, haben sich mein Verständnis und meine Liebe zu Korea weiter vertieft. Das hat mir geholfen, mein Koreanisch zu verbessern, auch wenn es langsam vorangeht,“ sagt Conran. Er hofft, sich in Zukunft stärker auf die Filmproduktion konzentrieren zu können, und weiß, dass sein Koreanisch dafür gut sein muss. Der vollkommene Filmenthusiast und begeisterte Sammler von Blu-rays scheint wirklich glücklich zu sein, weil er das macht, was er liebt. „Ich schaue mir sehr viele Filme an. Eigentlich viel zu viele, so an die 800 pro Jahr,“ sagt er und scheint von der Zahl selbst überrascht zu sein. Lächelnd fügt er hinzu: „Das ist mein Beruf.“

Review

Freimütigkeit und Humor eines Vater-Sohn-Duos

Art Review 2021 AUTUMN 34

Freimütigkeit und Humor eines Vater-Sohn-Duos Die Kunstausstellung eines Vater-Sohn-Duos, als solche schon eine Seltenheit, erwies sich als angenehm unterhaltsam sowie ergreifend und aufschlussreich.Joo Jae-hwan (geb. 1941) war eine wichtige Persönlichkeit der Minjung-Kunstbewegung, die sich in den 1980er Jahren der Militärdiktatur widersetzte. Sein Sohn Joo Ho-min (geb. 1981), ein beliebter Webtoon-Künstler, hat zweifellos die Begabung seines Vaters für geistreiches und humorvolles Geschichtenerzählen geerbt. Porträt von Homin (links).Joo Jae-hwan. 2020.Acryl auf Leinwand, Plastikspielzeug.53.2 × 45.5 cm.Porträt von Joo Jae-hwan.Joo Ho-min. 2021. Digitale Zeichnung.Der Maler Joo Jae-hwan und der Webtoon-Künstler Joo Ho-min, bei denen es sich um Vater und Sohn handelt, posieren vor ihren Porträts, die Seite an Seite im Seoul Museum of Art hängen. Joo Jae-hwan, der Vater, hat die wichtigen Begebenheiten in der modernen Geschichte mit scharfem Humor betrachtet, sein Sohn ist berühmt für den Webtoon Along with the Gods, eine geistreiche, auf koreanischen Mythen basierende Interpretation der Grenze zwischen Leben und Tod.© Park Hong-soon, Monthly Art Es gibt Kunstausstellungen, die man erst dann versteht, wenn man sich intensiv mit der Materie befasst hat.Aber manchmal möchte man Kunstwerke ohne großes Sinnieren darüber genießen. Die Ausstellung Homin und Jae-hwan, die vom 18. Mai bis 1. August 2021 im Seoul Museum of A rt stattfand, bot genau eine solche Gelegenheit. Auf den ersten Blick hatte sie etwas Unbeschwertes, aber sie war keineswegs ohne Tiefe. Die scharfe Kritik an verschiedenen sozialen Themen schlug dem Betrachter nicht mit geballtem Ernst entgegen, da die künstlerische Welt von Vater und Sohn von unverblümter Offenheit und Humor durchdrungen ist.Joo Jae-hwan vermittelt seine Botschaften durch eine Kombination aus Bild und Text. Die Texte bestehen aus Metaphern, die die Vorstellungskraft des Betrachters erweitern. Im Gegensatz dazu wird der Text in den Webtoons von Joo Ho-min hauptsächlich als narrative Botschaft in Sprechblasen präsentiert, was dem Leser filmische Imagination anbietet. Es ist besonders interessant, auf dieser Ausstellung von Vater und Sohn die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit Bild und Text in den jeweiligen Genres herauszufinden. Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend. Joo Jae-hwan.2010. Acryl auf Leinwand.193.7×130 cm.Diese Arbeit wurde erstmals 1980 auf der Antrittsausstellung der Kunstgruppe Reality and Utterance gezeigt. Marcel Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend parodierend, bringt es auf satirische Weise Absurditäten und Unterdrückung, unter denen die gesellschaftlich Marginalisierten zu leiden haben, zum Ausdruck. Während des folgenden Jahrzehnts führte Reality and Utterance die sozial engagierte Kunst durch die als „Minjung Misul“ bekannte Volkskunstbewegung an. VATER JOO JAE-HWANJoo Jae-hwa n bega n n 1960 a n der Hongik Universität Westliche Malerei zu studieren, musste sein Studium aber aufgrund familiärer Umstände abbrechen. Er versuchte sich in verschiede- nen Berufen, bevor er mit fast 40 Jahren den Weg des Künstlers einschlug.„Ich begann meine Lauf bahn als Künstler meiner Veranlagung folgend, auf ganz natürliche Weise“, so seine Erklärung.Aus dem Schoß der Kunstgruppe Reality and Utterance, die 1980 gegründet und 1990 aufgelöst wurde, entstand die Minjung-Kunstbewegung (Volkskunstbewegung), die das soziale Engagement der Kunst förderte. Als eins der Gründungsmitglieder präsentierte Joo auf der ersten Ausstellung der Kunstgruppe das Gemälde Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend, das eindrucksvoll auf Nude descendant un escalier (Akt, eine Treppe herabsteigend) von Marcel Duchamp anspielte. Joo schuf danach weitere Variationen dieses Gemäldes. „Frühlingsregen“ im Titel meint eigentlich den Harnstrahl der Männer auf der Trep- pe. Dieser Frühlingsregen, der sich immer stärker werdend die Treppe hinunter ergießt, symbolisiert Absurdität und Unterdrückung, die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter ertragen müssen.Stoffe für seine Werke findet Joo überall im Alltag. Das zeigen vor allem seine Installationsarbeiten Wasser vs. die unehelichen Kinder des Wassers (2005) aus einem Wäscheständer mit vielen daran hängenden Getränkef laschen – ein Fingerzeig auf die Umweltproblematik – sowie Gestohlenes Tuch (2012), das die Frage nach dem Mangel an Moral in der modernen Gesellschaft anhand eines in der Nachbarschaftssauna gestohlenen Handtuchs aufwirft. Joo recycelt weggeworfene Alltagsgegenstände, um eine soziale Botschaft mit einem Hauch von Humor und Satire zu vermitteln, was als charakteristisches Merkmal seiner Kunst gilt. In einem kürzlich geführten Interview sagte er, dass seine ungezwungene Schaffenswelt und sein Sinn für Humor wohl „intransitiv, und nicht transitiv“ seien, um es mit der Verbgrammatik zu vergleichen.Er fügte hinzu: „An meiner Überzeugung, dass man die Ausstellungsbesucher nicht zum Gähnen bringen darf, hat sich nichts geändert, aber mit der Zeit habe ich gelernt, dass jeder Künstler seine ganz eigene Welt hat.“ In seinen jungen Jahren rebellierte Joo gegen soziale Ungleichheit, Militärdiktatur und Koreas stereotype Dansaekhwa („Koreanische Monochrome Malerei“, auch „Koreanischer Minimalismus“ genannt). Aber jetzt, da sich die koreanische Gesellschaft demokratisiert hat und und Ruhe in sein Leben und Gemüt eingekehrt ist, denkt er oft darüber nach, dass „jeder seine eigenen Gründe hat“. Er erklärte: „Es gibt in der Gesellschaft immer zwei Wege: einen Weg der Hoffnung und einen Weg der Verzweif lung, die stets ineinander greifend verlaufen. Es ist das menschliche Schicksal, dass Positives und Negatives vermischt sind.“ Außerdem gestand er, dass er auch gelernt habe, wie hilf los ein Künstler sein kann.„In dem Moment, in dem sein Werk zum Präsentieren an die Wand gehängt wird, fühlt sich der Künstler machtlos. Die Bewertung wird dem Besucher überlassen. Wenn dann ein Ausstellungsbesucher etwas Neues entdeckt, an das man selbst noch nie gedacht hat, lernt man wieder etwas hinzu.“ Wasser vs. die unehlichen Kinder des Wassers. Joo Jae-hwan. 2005. Aluminum Trockenständer, verschiedene Getränke.Abmessungen variabel.Leere PET-Flaschen und Dosen hängen als Warnung vor Umweltproblemen an einem großen Trockenständer. Bei diesem visuellen Kommentar über die Begierden des modernen Menschen und seiner Doppelmoral im Konsumverhalten fokussierte sich Joo auf die Tatsache, dass man um so durstiger wird, je mehr kohlensäurehaltige Getränke man konsumiert. 8601 Diamonds vs. Stone Rice. Joo Jae-hwan.2010. Topf, Steine, Kopie eines Fotos im Glasrahmen. 70.8 × 53.7 cm.Die Geschichte einer in einem brasilianischen Armenviertel lebenden Mutter, die ein hungriges Kind zum Einschlafen bringen muss, wird kontrastiert mit Damien Hirsts For the Love of God, einem mit Diamenten bedeckten Menschenschädel, um die Einkommensunterschiede in einer kapitalistischen Welt aufzuzeigen. Ein gestohlenes Handtuch. Joo Jae-hwan.2012. Acryl auf Leinwand, Handtuch-Collage.66 × 53 cm.Diese Arbeit satirisiert das mangelnde ethische Bewusstsein von Leuten, die Handtücher aus den öffentlichen Badehäusern in ihrer Nachbarschaft mitgehen lassen.Joo Jae-hwan wählt vertraute, alltägliche Gegenstände und Episoden als Motive für intuitiven Ausdruck Happy Tears.Joo Jae-hwan. 2008.Acryl auf Leinwand, Marker Ink.96.3 × 96.5 cm.Das Werk ist eine Parodie auf Roy Lichtensteins Happy Tears. Verwickelt in einen Fall illegaler Geldanhäufung eines koreanischen Konglomerats, der 2008 für Schlagzeilen sorgte, vermittelt es eine Botschaft über gesellschaftliche Polarisierung. Vater und Sohn, Malerei und Webtoons, analog und digital, Bilder und Texte nebeneinander platziert: Die Ausstellung Homin and Jaehwan war ein Festival für alle, die Spaß am Geschichtenerzählen haben. What Are They Doing Down the Stairs? Joo Ho-min.2021. Digitaler Flexdruck.740 × 220 cm.Joo Ho-mins große Installation parodiert das wohlbekannte Werk seines Vater Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend. Es ist seine Reinterpretation des Humors und der Resistenz seines Vaters. DER SOHN JOO HO-MINGenau in diesem Punkt stimmt Joo Ho-min mit seinem Vater überein. Für ihn sind die Bewertungen seiner Leser von großer Bedeutung. Schon als Kind hat er seinem Künstlervater bei der Arbeit über die Schulter geschaut.Wohl beeinf lusst von ihm, begann er als Mittelschüler, Cartoons zu zeichnen, und freute sich, wenn seine Freunde sie mit großem Spaß lasen. Seitdem ist er „süchtig“ nach sofortigem LeserFeedback auf seine Arbeiten. Mit dem Anliegen, die Menschen mehr zum Lachen zu bringen, startete er seine Karriere im Jahr 2000 damit, seine Cartoons auf eine Internet-CommunityWebseite hochzuladen.Joo Junior machte sich mit Jjam (2005), seinem offiziellen Debütwerk über das Militärleben, einen Namen, und wurde mit der Serie Along with the Gods (2010-2012), einer Fantasy-Action-Geschichte über Tod und Reinkarnation durch sieben Prozesse in der Hölle, zu einem der repräsentativsten Webtoonisten Koreas. Along with the Gods: The Two Worlds (2017), die Filmversion dieser Serie, zog über 14 Millionen Zuschauer an, die drittgrößte Zuschauerzahl in der Geschichte des koreanischen Kinos. Die Fortsetzung Along with the Gods: The Last 49 Days (2018) konnte über 12 Millionen Zuschauer mobilisieren.Dieser Star-Webtoonist und YouTuber mit 230.000 Abonnenten gestand, dass er bei den Vorbereitungen für die Ausstellung Homin und Jaehwan „weglaufen wollte“. Der Grund dafür: „Da Comics ja eigentlich nicht für Ausstellungen gezeichnet werden, war es mir etwas peinlich meine Zeichnungen an einer Galeriewand hängen zu sehen. Ich hatte auch große Bedenken, wie die Besucher meine Werke wohl annehmen würden.“ Diese Sorgen erwiesen sich allerdings als unbegründet.Die Gemälde und Installationen von Joo Jae-hwan, die die Ausstellungshalle im zweiten Stock des Museums füll- ten, boten visuell eine breite Vielfalt.Die Halle im dritten Stock, in der Digitaldrucke wichtiger Szenen aus Joo Ho-mins repräsentativsten Serien und seine Stor yboard-Skizzenblöcke ausgestellt waren, wirkte verglichen damit etwas farblos. Nichtsdestotrotz betrachteten viele Besucher die Exponate sehr genau und verloren sich in den von ihm geschaffenen Geschichten. So wie Buchleser beim Lesen zwischen den Zeilen ihrer Fantasie freien Lauf lassen, so lud die Leere dieses Raums die Ausstellungsbesucher dazu ein, die einzelnen Szenen noch einmal auf leben zu lassen und die Geschichten richtig zu genießen. Die Bücher, die Joo Ho-min bei seiner Arbeit inspiriert hatten, wurden ebenfalls ausgestellt und zeigten, wie A lltägliches zu wertvollen Quellen der Vorstellungskraft werden kann. Besucher betrachten eine Szene aus Joo Ho-mins Webtoon Along with the Gods: The Two Worlds, die die Sicht der Koreaner auf das Leben nach dem Tod widerspiegelt. Das Exponat zeigt Elemente aus verschiedenen Mythen und Geschichten, die in Webtoons erscheinen. © Yonhap News KOLLABORATION Das Besondere an der Ausstel lung war, dass es sich um eine Kollaboration von einem Vater und einem Sohn handelte, die in unterschiedlichen Genres a rbeiten. Die Ausstel lungsbesucher wurden als erstes von den Porträts der beiden Künstler, die nebeneinander im Galerieeingang hingen, begrüßt: Das Portrait of Homin (2020) von Joo Jae-hwan, eine Collage aus einem Eiscreme-Modell und einer Sonnenbrille, und Joo Ho-mins im WebtoonStil gehaltene digitale Zeichnung Portrait of Joo Jaehwan (2021). Sowohl Vater als auch Sohn haben die gegenseitige Darstellung des anderen recht nüchtern bewertet. Der Vater empfand sich beim Betrachten seines vom Sohn gefertigten Porträts als „gut gealtert“, während der Sohn meinte, die Arbeit seines Vaters sei „einfach total lustig“.Der Sohn hat als Anspielung auf das Gemälde seines Vaters Frühlingsregen, eine Treppe herabsteigend eine großformatige Installation präsentiert: Was machen sie auf der Treppe? (What Are They Doing Down the Stairs?) (2021). Während die Arbeit des Vaters das Absteigen von oben nach unten und die Bewegung von links nach rechts darstellt, zeigt das Werk des Sohnes mehrere Charaktere in Aufwärtsbewegung, die sich gegenseitig helfend nach oben ziehen und damit für Aufstieg und Kooperation stehen. Es ist seine eigene Neuinterpretation des Widerstandsgeistes und des Humors seines Vaters.Joo Ho-min, für den es als Kind etwas „Selbstverständliches“ war, seinen Vater an Kunstwerken arbeiten zu sehen, spürt nun selbst als Künstler, „wie schwierig und wundersam“ künstlerisches Schaffen ist. Auch erklärte er:„Ich finde es großartig, dass mein Vater mit 80 Jahren immer noch arbeitet. Ich selbst fühle mich in meinem Alter manchmal schon überfordert. Es ist wirklich fast unbegreif lich, wie er sich all die Jahre ununterbrochen dem Kunstschaffen gewidmet hat“, meinte er voller Repekt.Die Ausstellung endete mit einem Video des Streamer-Sohns und des Maler-Vaters. Im modif izierten Format des „Wähle deinen Favoriten“-Turniers zeigt im Video der Sohn seinem Vater mehrmals zwei seiner Werke und lässt ihn sein Lieblingswerk wählen. Vater Joo erzählt Geschichten über das jeweils von ihm gewählte Werk, erzählt über die Hoffnungen, die er zur Zeit der Herstellung hatte, und Erinnerungen an Dinge, die er mit seinem Sohn erlebte.Auf die Frage, ob er nicht enttäuscht sei, dass sein Name im Titel der Ausstellung nicht an erster Stelle erschien, antwortete Joo Jae-hwan: „Das gefällt mir sogar besser so.“ Und er fügte hinzu: „Es ist eine überholte Art des Denkens, Werke in Genres w ie Ma lerei oder Cartoon einzuteilen oder haarspalterisch zu klären, wessen Name an erster Stelle kommt.“ Vater und Sohn, Malerei und Webtoons, analog und digital, Bilder und Texte nebeneinander platziert: Die Ausstellung Homin and Jaehwan war ein Festival für alle, die Spaß am Geschichtenerzählen haben.

Sterne, die in der Dunkelheit gemeinsam funkelten

Art Review 2021 SUMMER 113

Sterne, die in der Dunkelheit gemeinsam funkelten Von den 1930er bis in die 1950er Jahre herrschte Armut in Korea. Nichtsdestotrotz verfolgten Schriftsteller und Künstler beharrlich ihre Träume, wobei sie von Freunden und Kollegen unterstützt wurden. Eine seltene, vom National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) kuratierte Ausstellung im Seouler Königspalast Deoksu-gung zeichnet nach, wie diese kreativen Köpfe durch Kameradschaft und Kooperation zahlreiche Hindernisse überwanden. Stillleben mit einer Puppe von Gu Bon-ung, 1937. Öl auf Leinwand. 71.4 × 89.4 cm. Leeum, Samsung Museum of Art. Als Impressionismus-zentrierter Akademismus in war, wurde Gu Bon-ung vom Fauvismus angezogen. Wie an dem französischen Kunstmagazin Cahiers d’Art im Gemälde zu erkennen, schätzten Gu und seine Freunde die zeitgenössischen Kunsttrends der westlichen Länder. Die 1930er Jahre, in denen die japanische Kolo¬nialherrschaft zunehmend brutaler wurde, waren zwar ein dunkler Abschnitt der Geschichte, aber zugleich auch eine Zeit, in der die koreanische Gesellschaft im Zuge der Modernisierung bis dahin ungeahnte Umbrü¬che erlebte. Vor allem veränderte sich vieles in der Haupt¬stadt Gyeongseong (heute: Seoul). Auf gepflasterten Stra¬ßen fuhren Straßenbahnen und Autos, prachtvolle Kaufhäu¬ser wurden errichtet. Die Straßen wimmelten von „modern girls“ mit hochhackigen Schuhen und „modern boys“ in schicken Anzügen.Gyeongseong, wo Verzweiflung angesichts der Reali¬tät und neuzeitliche Romantik ineinander flossen, war aber auch eine Stadt der Künstler und Schriftsteller. Sie versam¬melten sich damals in den als „Dabang“ bekannten Cafés. Die sich in den Gassen der Stadtmitte aneinander reihenden Dabang waren aber mehr als nur Kaffeestuben. Künstler und Schriftsteller diskutierten dort über die neuesten Trends der europäischen Kunstszene wie die Avantgarde, während sie in einem für die Zeit exotisch anmutenden Interieur von Kaf¬feeduft umgeben die Lieder von Enrico Caruso genossen. Caruso und Avantgarde-Kunst Selbst Armut und Verzweiflung im kolonialisierten Land konnten den Kunstgeist nicht brechen. Hinter der Leiden¬schaft für das künstlerische Schaffen, das inmitten des Lei¬dens aufblühte, standen Freundschaft und Kollaboration von Künstlern, die die Schmerzen des Zeitalters teilten und nach einem Weg zum gemeinsamen Überleben suchten.Encounters Between Korean Art and Literature in the Modern Age, eine Ausstellung in den Hallen des MMCA im Königspalast Deoksu-gung, die diese Zeiten der „paradoxen Romantik“ porträtierte, lockte trotz der Unbequemlichkeiten infolge der COVID-19-Pandemie zahlreiche Besucher an. Wie der Titel schon verrät, beleuchtete diese Ausstellung, auf der rund 50 repräsentative Künstler der Moderne vorge¬stellt wurden, wie sich Maler, Dichter und Novellisten über Genregrenzen hinweg austauschten, gegenseitig beeinfluss¬ten und ihre künstlerischen Ideale entfalteten.Die Ausstellung umfasste vier Themen. In Ausstellungs¬halle 1 wurden unter dem Thema „Zusammenfluss der Avantgarde“ die Beziehung zwischen der Dabang-Kaffee¬stube „Jebi (Schwalbe)“, die der Dichter, Novellist und Essayist Yi Sang (1910-1937) betrieb, und den Künstlern, die dort Stammgäste waren, beleuchtet. Yi Sang, der Archi¬tektur studiert hatte, arbeitete eine Weile als Bauzeichner im japanischen Generalgouvernement in Gyeongseong, gab diese Stelle aber wegen Lungentuberkulose auf und eröff¬nete die Kaffeestube. Weit bekannt für seine ausgeprägt sur¬realistischen Werke wie die Erzählung Flügel und das expe¬rimentelle Gedicht Krähenperspektive, gilt Lee als einer der Pioniere der modernen koreanischen Literatur der 1930er Jahre.Die nackten Wänden der Kaffeestube Jebi sollen nur ein Selbstporträt Yi Sangs und einige Malereien seines Kind¬heitsfreunds Gu Bon-ung (1906-1953) geschmückt haben. Dieser bescheidene Ort ohne optischen Reiz war der Treff¬punkt armer Künstler. Neben Gu gehörten zu den Stamm¬gästen auch Pak Tae-won (1910-1986), der eng mit Yi befreundet war, und der Dichter und Literaturkritiker Kim Gi-rim (1908-?). Sie trafen sich im Jebi und unterhiel¬ten sich nicht nur über Literatur und Kunst, sondern auch über die neuesten Trends in anderen Sparten wie Film und Musik. Für sie war das Jebi nicht nur ein sozialer Treff¬punkt, sondern ein Inkubator des Schaffens, wo sie die neu¬esten Geistesströmungen aufsaugen und Nährboden für ihre Kunst finden konnten. Auf besonderes Interesse stie¬ßen die Gedichte von Jean Cocteau und die avantgardisti¬schen Filme von René Clair. Yi Sang hängte Aphorismen von Cocteau an die Wand, während Pak Tae-won Conte, aus einem Film gewonnen: Der letzte Milliardär verfasste, eine Parodie auf Clairs Le Dernier milliardaire (Der letzte Mil¬liardär) (1934), in der er die Realität unter der Kolonialherr¬schaft satirisierte.Die Spuren, die sie jeweils im Leben der anderen hinter¬lassen haben, und die engen Beziehungen, die sich in ihren Werken widerspiegeln, sind äußerst fesselnd. Die Figur in Gu Bon-ungs Porträt eines Freundes (1935), die einen etwas „schrägen“ Eindruck hinterlässt, ist Yi Sang. Trotz des Altersunterschieds von vier Jahren waren die beiden schon als Schulkinder Busenfreunde. Kim Gi-rim sparte nicht mit Lob für den fauvistischen Stil außergewöhnlicher Art von Gu Bon-ung. Es war auch Kim, der um den mit nur 27 Jah¬ren verstorbenen Yi Sang am tiefsten trauerte, seine Werke sammelte und 1949 eine Auswahl davon veröffentlichte. Zuvor hatte Yi den Einband für Kim Gi-rims erste Gedicht¬sammlung Wetterkarte (1936) designt. Auch die Illustratio¬nen für Paks Novelle Ein Tag im Leben des Schriftstellers Kubo (1934), die in der Tageszeitung Joseon Jungang Ilbo als Serie erschien, stammen von ihm. Der originäre literari¬sche Stil Pak Tae-wons und Yi Sangs surrealistische Illustra¬tionen schufen Werke von einer originellen Eigenwilligkeit, die sich bei den Lesern großer Beliebtheit erfreuten. Selbstporträt von Hwang Sul-jo (1904-1939). 1939. Öl auf Leinwand. 31.5 × 23 cm. Privatsammlung. Hwang Sul-jo, der derselben Künstlergruppe wie Gu Bon-ung angehörte und einen einzigartigen Malstil kultivierte, war versiert in verschiedenen Stilen und Genres, darunter Stillleben, Landschaften und Porträts. Das Selbstporträt stammt aus dem Jahr, in dem er im Alter von 35 Jahren starb. Ausstellungshalle 2 zeigte Kunstdruckarbeiten aus den 1920ern bis in die 1940er. Zu sehen waren Bücher mit schönen Einbänden sowie meist von Zeitungsverlagen publizierte Magazine mit den Werken verschiedener Illustratoren. Cheongsaekji (Blaues Magazin), Ausgabe 5, Mai 1939 (links); Ausgabe 8, Februar 1940 (rechts) Cheongsaekji, erstmals im Juni 1938 veröffentlicht und mit der achten Ausgabe im Februar 1940 eingestellt, war ein umfassendes, von Gu Bon-ung ediertes und veröffentlichtes Kunstmagazin. Es deckte viele Bereiche ab, darunter Literatur, Theater, Film, Musik sowie die Schönen Künste, und brachte qualitativ hochwertige Beiträge berühmter Schriftsteller. Begegnung von Poesie und Malerei Das Illustrieren von serialisierten Erzählungen ermöglich¬te den Künstlern zumindest für eine gewisse Zeit ein regel¬mäßiges Einkommen und trug zudem dazu bei, das Image der Zeitung als eines Mediums, das populär und künstle¬risch zugleich ist, zu propagieren.In Ausstellungshalle 2, die an eine ruhige Bibliothek erinnerte, war eine Printmediensammlung aus Zeitungen, Magazinen und Büchern aus den 1920ern bis in die 1940er zu sehen. Unter dem Titel „Ein Museum aus Papier“ bot diese Sektion die seltene Gelegenheit, durch zwölf u. a. von Ahn Seok-ju (1901-1950) illustrierte, in Zeitungen veröf¬fentlichte Fortsetzungsromane zu blättern.Damals publizierten Zeitungsverlage auch Magazine, und durch sie entstand das neue Genre „Hwamun“, i. e. Gedich¬te mit Illustrationen. Repräsentativstes Beispiel dafür ist das berühmte, von Baek Seok (1912-1996) verfasste und von Jeong Hyeon-ung (1911-1976) illustrierte Gedicht Ich, Natascha und der weiße Esel, das wie folgt beginnt: „Heute Nacht schneit es dick und dick.“ Die Illustration mit ihren markanten orangefarbenen und weißen Leerstel¬len gibt quasi die „Klangfarbe“ des Gedichts wieder, dem ein seltsames mit Wärme eingefangenes Gefühl der Leere anhaftet. Das Werk erschien in Yeoseong (Frauen), dem von der Tageszeitung Chosun Ilbo herausgegebenen, von Baek und Jeong gemeinsam zusammengestellten und redigierten Magazin für Literatur und Kunst. Baek Seok, der lyrische Gedichte mit starkem Lokalkolorit schrieb, und Jeong Hyeon-ung, der sich als Illustrator einen Namen machte, lernten sich als Arbeitskollegen in einem Zeitungsverlag kennen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine besondere Freundschaft zwischen den beiden, die im 44 45 Büro nebeneinander saßen. Jeong warf öfters bewun¬dernde Blicke auf Baek. „Er ist so schön wie eine Statue“, heißt es in Jeongs kurzem Text Mr. Baek Seok (1939), der zusammen mit seiner Zeichnung von Baek im Magazin Munjang (Satz) veröffentlicht wurde. Ihre Freundschaft blieb bestehen, auch nach¬dem beide beim Yeseong-Verlag aufgehört hatten. 1940 zog Baek in die Mandschurei, von wo aus er seinem Freund das Gedicht An Jeong Hyeong-ung – aus dem Norden schickte. 1950, nach der Teilung Koreas, ging Jeong in den Norden, wo er Baek wie-dersah. Er kompilierte Baeks Gedichte und ver¬öffentlichte sie in einem Sammelband. Auf dem Rückendeckel ist auch ein Porträt von Baek Seok zu sehen, der älter und besonnener als der „Mr. Baek Seok“ von 1939 erscheint. Ich, Natascha und der weiße Esel von Baek Seok und Jeong Hyeon-ung. Adanmungo. Dieses von Jeong Hyeon-ung illustrierte Gedicht von Baek Seok erschien 1938 in der Märzausgabe von Yeoseong (Frauen), einer von der Zeitung Chosun Ilbo herausgegebenen Zeitschrift. Es veranschaulicht den häufigen Austausch zwischen Schriftstellern und Malern, der durch das neu aufgekommene Genre „Hwamun“ (illustrierte Schriften) entstand. Familie von Dichter Ku Sang von Lee Jung-seop (1916-1956). 1955. Bleistift und Öl auf Papier. 32 × 49.5 cm. Privatsammlung. Lee Jung-seop, der während des Koreakrieges im Hause des Dichters Ku Sang Zuflucht fand, porträtierte die glückliche Familie Kus, der seine Frau und seine beiden Söhne, die zu der Zeit in Japan waren, vermisste. Cover der Zeitschrift Hyeondae Munhak (Contemporary Literature), die im Januar 1955 gegründet wurde. Die Illustrationen stammen von bekannten Künstlern wie Kim Whanki, Chang Uc-chin und Chun Kyung-ja. Bilder und Schriften der Künstler Ausstellungshalle 3 war der Zeit zwischen den 1930er und 1950er Jahren gewidmet und legte unter dem Titel „Kameradschaft unter Künstlern und Schriftstellern der Moderne“ den Fokus auf die per¬sönlichen Bande zwischen Künstlern und Schrift¬stellern. Im Mittelpunkt des privaten Beziehungsge¬flechts stand Kim Gi-rim, der auch zu den Künstlern der nächsten Generation Kontakte pflegte. Er nutz¬te gezielt seinen Beruf als Zeitungsjournalist, um vielversprechende Künstler zu entdecken und ihre Werke durch seine Rezensionen der Öffentlichkeit vorzustellen. Eine solche Rolle spielte auch Kim Gwang-gyun (1914-1993), ein Dichter und gleichzeitig Geschäfts¬mann, der künstlerische Talente sponserte. Es ist daher kaum erstaunlich, dass nicht wenige Exponate in dieser Halle aus Kims Privatsammlung stammten. Das Bild, vor dem viele Besucher stehen blieben, war Die Familie von Dichter Ku Sang (1955) von Lee Jung-seop (1916-1956). In diesem Werk wirft Lee einen neidischen Blick auf die Familie von Ku Sang. Lee Jung-seop lebte damals nämlich alleine, weil er seine Frau während des Koreakrieges aufgrund der schwierigen Lebensumstände zu ihren Eltern nach Japan geschickt hatte. Er hatte gehofft, durch den Verkauf seiner Werke genügend Geld zu verdie¬nen, um die Familie wieder vereinen zu können, aber diese mit Mühe und Not zusammengestellte einzige Soloausstel¬lung brachte nicht genügend ein, was – wie unschwer an dem Werk zu erkennen ist – Lee in tiefe Verzweiflung stürz¬te. Die neben dem Werk ausgestellten Briefe seiner japa¬nischen Frau an Ku Sang, in denen sie sich besorgt nach seinem Befinden erkundigt, ließen noch einmal auf das tra-gische Schicksal der Familie zurückblicken und auf den frü¬hen, einsamen Tod eines von Armut und Krankheit gezeich¬neten Kunstgenies.In der letzten Halle wurden zum Thema „Schriften und Bilder von schreibenden Malern“ sechs Maler vorge¬stellt, die auch als Schriftsteller außergewöhnliches Niveau erreichten. Dazu gehören Chang Uc-chin (1918-1990), der die Schönheit einfacher und purer Dinge schätzte, Park Ko-suk (1917-2002), der sein Leben lang die Berge lieb¬te, und Chun Kyung-ja (1924-2015), die nicht nur wegen ihres originären, farbenfrohen Malstils beliebt war, sondern auch wegen ihrer Essays, die ihre innere Welt unumwunden offenbarten.Am Ende der Ausstellungshalle fesselten vier „Dot-Wer¬ke“ von Kim Whanki (1913-1974) die Aufmerksamkeit der Besucher. Ging man näher an diese Werke heran und betrach¬tete den Mikrokosmos aus unendlich vielen Minipunkten, zogen einem die Namen aller Schriftsteller und Maler, denen man auf dieser Ausstellung begegnet war, durch den Kopf. Es schien, als ob all diese Talente, die in einem dunklen Zeit¬alter wie Sterne am Himmel gefunkelt hatten, nun endlich an einem Ort zusammengerufen worden wären. 2. 18-II-72 #221 von Kim Whanki. 1972. Öl auf Leinwand. 49 × 145 cm. Privatsammlung. Kim Whanki, wohlbewandert in Literatur und mit vielen Dichtern befreundet, veröffentlichte in verschiedenen Zeitschriften Essays. Die lyrischen abstrakten Punktgemälde, die charakteristisch für die späte Periode von Kims Schaffen sind, erschienen Mitte der 1960er Jahre, als er in New York war. Frühe Hinweise auf diese Bilder finden sich in seinen Briefen an den Dichter Kim Gwang-seop (1906-1977).

Abstraktion des Alltags

Art Review 2021 SPRING 248

Abstraktion des Alltags Die Installationskünstlerin Haegue Yang (geb. 1971), die von ihren Standorten Berlin und Seoul aus international tätig ist, interpretiert alltägliche Haushaltsgegenstände auf unterschiedlichste Weise. Ihre jüngste Ausstellung im National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA) in Seoul beleuchtet die fortwährende Erweiterung ihrer Genre-herausfordernden Kühnheit, die sie beim Nachsinnen über neue thematische Herausforderungen entwickelt. Haegue Yang verwendet in ihren Werken oft alltägliche Gegenstände wie Wäscheständer, Jalou-sien und Glühbirnen. Für ihre wegweisende, 2009 im Koreanischen Pavillon der der Biennale di Venezia vorgestellte Installation Sallim (dt.: Haushaltsführung) schuf sie eine Küche aus Stahlgerüst, Ventilatoren und Strickgarn. Seitdem sind ihre Arbeiten an verschiedenen Orten weltweit zu sehen, darunter auf der Documenta in Kassel und im Centre Georges-Pompidou in Paris. Yangs Multimedia-Installationen bestehen normalerweise aus gewöhnlichen Haushaltsobjekten, die sie – auf verschiedenste Weise abgeändert und ergänzt – oft vor digitalen Tapeten mit Grafikdesign präsentiert. Ihre jüngsten Werke, für die sie Images, die in keinerlei Bezug zueinan-der stehen, auf komplizierte Weise miteinander verwoben hat, erscheinen manchmal geradezu „intellektuell überanspruchsvoll“. Daher auch die Kritik, dass die Bilderdichte zu hoch sei, um sie auf einen Blick aufnehmen zu können. Yang erklärt dazu diese spezifische Qualität sei ein charak-teristisches Merkmal ihrer Arbeiten. Haegue Yang nahm im Januar 2019 an der Eröffnungsausstellung der Taipei Dangdai Kunstmesse im Taipei Nangang Exhibition Center teil. Durch den Einsatz unterschiedlicher Medien wie Installation, Skulptur, Video, Fotografie und Klangbilder bringt sie bestimmte historische Figuren oder Alltagsobjekte in einer abstrakten, Gestaltungssprache zum Ausdruck. Silo of Silence – Clicked Core, 2017. Aluminium-Jalousien, pulverbeschichtetes Aluminium, hängende Stahlstrukturen, Stahldrahtseile, Drehbühne, LED Röhren, Kabel. 1105 × 780 × 780 cm. Das KINDL – Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Berlin lädt jedes Jahr einen Künstler dazu ein, ein Werk in der 20m hohen Halle des Boiler House zu präsentieren. Diese Installation von Hague Yang wurde von September 2017 bis Mai 2018 ausgestellt. Ein Objekt, verschiedene Interpretationen Ihre jüngste Ausstellung MMCA Hyundai Motor Series 2020: Haegue Yang – O2 & H2O (29. 9. 2020 - 28. 2. 2021) im Nationalmuseum\ für Moderne und Zeitgenössische Kunst ist keine Ausnahme. Beim Betreten der Ausstellungshalle ist als erstes die großformatige Installation Silo of Silence-Clicked Core (2017) zu sehen, deren Titel schon rätselhaft anmutet. Das Exponat hat die Form eines elf Meter hohen Mobiles aus Jalousien und Beleuchtungskörpern. Dunkelblaue und schwarze Jalousien kreisen in ihren jeweiligen Bahnen. Die Besucher können das Exponat von weitem und von unten betrachten, was ein Raumerlebnis der ganz besonderen Art ermöglicht. Die Jalousien sind dieselben, die Yang bereits für ihr bekanntestes Werk, die Serie Sol LeWitt Upside Down (2020) verwendete, das weiter hinten in der Halle zu sehenist. Dieses aus weißen Jalousien bestehende Exponat ist stark minimalistisch geprägt, wie schon der im Werktitel enthaltene Name des amerikanischen Konzeptkünstlers Sol LeWitt andeutet. Der Besucher mag sich daher vielleicht fragen, welche Bedeutung dem Wiederaufgreifen des minimalistischen Stil der Vergangenheit zukommt. Was die Jalousien betrifft, sagte Yang einmal, dass „einige sie als westlich, andere als östlich bezeichnen.“ Je nach Perspektive mag der Betrachter sie mit einem Büroraum im westlichen Stil oder mit asiatischen Bambusrollos assoziieren. Auch in anderen Werken manifestiert sich Yangs Absicht, zu zeigen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung ein und desselben Objekts je nach Kontext sein kann. Ein Blick auf Ornamente und Abstraktion, Yangs erste Soloaustellung in Lateinamerika, 2017 veranstaltet in der Kunstgallerie Kurimanzutto in Mexico City. Zu sehen waren folgende Werke: The Intermediate – UHHHHH Creature Extended W. 2017. Kunststroh, pulverbeschichtete hängende Stahlstruktur, pulverbeschichteter Stahlrahmen, Stahlseile, Neoseul, Bupo. 580 × 750 × 60 cm. Big-eyed Tongue-tied Mountains beneath Solar and Lunar Orbs – Trustworthy #315. 2017. Verschiedene Sicherheitsumschläge, Millimeterpapier, Origamipapier und Sandpapier auf Pappe, gerahmt, selbstklebender Vinyl Film. 11 Teile. 86.2 × 86.2 cm; 57.2 × 57.2 cm; 29.2 × 29.2 cm. Sol LeWitt Upside Down – K123456, Expanded 1078 Times, Doubled and Mirrored. 2017. Aluminium- Jalousien, pulverbeschichtete Aluminium- Hängestruktur, Stahldratseile, fluoreszierende Röhren, Kabel. 878 × 563 × 1088 cm. Ineinander fließende Grenzen In Halle 5 ist an exponiertester Stelle die Serie Sonic Domesticus (2020) installiert. Die hauptsächlich aus Kunststroh und Kunststoffschnüren gefertigten Werke wirken auf den ersten Blick wegen der daran angebrachten Metallglöckchen wie bizarre Kreaturen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als Bügeleisen, Computermäuse, Haartrockner und Kochtöpfe. Mit ihren Jalousien-Werken, die die Grenzen zwischen Ost und West ins Visier nehmen, erkundet die Künstlerin die Grenzen zwischen Lebendigem und Leblosem. Aus einem Fön wird eine Krabbe, aus zwei aufeinander gestapelten Computermäusen ein Insektenkörper. Zwei zusammengefügte Bügeleisen bilden eine Schere. Die Exponate stehen auf Rädern und produzieren Geräusche, wenn sie bewegt werden. An der Wand auf der rechten Seite der Serie sind in nonagonaler Anordnung vier Arten von Türknäufen angebracht. Der angestrebte Effekt ist hier ähnlich: Ein an der Wand befestigter Türknauf verliert in einem fremden Kontext seine ursprüngliche Funktion des Öffnens einer Tür. Durch diese sich je nach Kontext verändernde Bedeutung von Objekten scheint die Künstlerin das Interesse der Besucher wecken zu wollen. Diese Strategie wurde jedoch schon vor hundert Jahren von dadaistischen Künstlern angewandt. Lange bevor Yang aus zwei Bügeleisen die Form einer Schere kreierte, schuf bereits 1921 der bildende Künstler Man Ray (1890-1976) Cadeau, ein Werk, bei dem er Reißnägel an die Sohle eines Glätteisens gepinnt hatte, um dessen Funktion und Bedeutung nichtig zu machen. Geht man noch weiter zurück, erinnert Yangs Werk auch an Marcel Duchamps Fountain (1917), ein in ein Kunstmuseum gebrachtes Urinal. Zweifelsohne sticht heutzutage in internationalen Kunstkreisen die Tendenz hervor, unabhängig vom kunstgeschichtlichen Zeitalter freie Ideenanleihen zu machen. Beispielsweise übernimmt und abstrahiert die britische Malerin Cecily Brown (geb. 1969) Gemälde aus der Zeit vor dem 19. Jh., und David Hockney (geb. 1937) spielt offen auf die Werke seines Idols Picasso an. In Bezug auf Yang, die Konzeptkunst adaptiert, fragt man sich dann: Wie sieht wohl die ihr ureigene künstlerische Stimme aus? Hatte Yang in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen belebten und unbelebten Objekten erforscht, so scheint sie jetzt die Trennung von Realem und Virtuellem, zwischen Echtem und Unechtem zu hinterfragen. Auf der MMCA Hyundai Motor Series 2020: Haegue Yang – O2 & H2O, zu sehen vom 29. September 2020 bis 28. Februar 2021, stellte Yang neue Kunstformen vor, darunter eine Replikation ihrer Stimme mittels Künstlicher Intelligenz und eine digitale Collage auf Bannern. (Links) Genuine Cloning. 2020. KI (Typumwandlung), Haegue Yangs Stimme, Lautsprecher. Variable Abmessungen. Technologie von Neosapience. (Rechts) Five Doing Un-Doing. 2020. Wasserbasierter Tintenstrahldruck auf Polyester-Bannern, Werbeballons, Ösen, Stahldrahtseile, Hanji-Maulbeerbaumpapier. Variable Abmessungen. Graphiken von Yena Yoo. In dieser Werkserie hat Yang hybride Gefäße geschaffen, indem sie Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, Haartrockner, Computermäuse und Töpfe zusammengesetzt oder miteinander verbunden hat. Sonic Domesticus. 2020. Pulverbeschichteter Stahlrahmen, pulverbeschichtete Netze, pulverbeschichtete Griffe, Formgießer, Schwarzkupfer und kupferbeschichtete Glocken, Rotstahl und Stahlglocken, Metallringe, Plastikschnüre. Von links: “Sonic Domesticus – Scissor Pressing.” 208 × 151 × 86 cm. “Sonic Domesticus – Blow-Dry Crawl.” 155 × 227 × 115 cm. “Sonic Domesticus – Clam Tongs.” 291 × 111 × 97 cm. “Sonic Domesticus – Pot Atop.” 224 × 176 × 122 cm. Realität und Abstraktion Diese Stimme manifestiert sich vielleicht am deutlichsten in Five Doing Un-Doing, einer Collage mit digitalen Bildern auf Bannern, und Genuine Cloning, einer Sammlung von Lautsprechern, aus denen eine KI-generierte Stimme dringt. In Bezug auf Five Doing Un-Doing erklärt die Künstlerin, dass für dieses Werk „die intensiven, an politische Propaganda erinnernden lauten Grafiken und die übertriebene Typografie“ charakteristisch seien. Auf den fünf Bannern stehen die Namen der fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser), symbolisiert durch die Farben der fünf Himmelsrichtungen (blau, rot, gelb, weiß und schwarz). Der untere Rand der Banner ist geschmückt mit quasten-artigen, aus dem traditionellen Maulbeerbaumpapier Hanji nachgebildeten schamanistischen Utensilien. Diese Installation scheint im engen Zusammenhang mit dem Ausstellungstitel O2 & H2O zu stehen. Yang erklärt, sie habe den Fokus auf die Symbolisierung der überall im Alltag vor-handenen Elemente Luft und Wasser als „O2“ und „H2O“ gelegt. Man könnte es so verstehen, dass sie die Realität, abstrahiert auf fünf Elemente, auf ihre ganz eigene Weise zum Ausdruck gebracht hat. Genuine Cloning ist eine Installation aus zwischen fünf Bannern aufgehängten Lautsprechern. Daraus fließt die mittels KI-Technologie geklonte Stimme der Künstlerin. Hatte Yang in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen belebten und unbelebten Objekten erforscht, so scheint sie jetzt die Trennung von Realem und Virtuellem, zwischen Echtem und Unechtem zu hinterfragen. Zwischen Berlin und Seoul Haegue Yang, 1971 in Seoul geboren, zog 1994 nach Frankfurt, wo sie die Städelschule, eine Hochschule für Bildende Künste, abschloss. Seit 2005 lebt und arbeitet sie zwar in Berlin, eröffnete aber 2014 auch ein Kunstatelier in Seoul und pendelt seitdem zwischen den beiden Städten. 2018 erhielt sie als erste asiatische Künstlerin den Wolfgang-Hahn-Preis, was für einige Furore sorgte. Im letzten Jahr waren ihre Werke trotz der Covid19-Pandemie in vielen Ecken und Enden der Welt zu sehen: so z. B. in der anlässlich der Wiedereröffnung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York veranstalteten Ausstellung Handles (21. 10. 2019 - 28. 2. 2021) und in der Ausstellung Strange Attractors (24. 10. 2020 - 3. 5. 2021) in der Tate St Ives im britischen Cornwall. Die MMCA Hyundai Motor Series, die 2014 mit den Skulpturen und Installationen der Künstlerin Lee Bul ihren Anfang nahm, ist ein jährlich veranstaltetes Event des MMCA zur Unterstützung führender Künstler. Die diesmalige Ausstellung ist Yangs erste Soloausstellung im MMCA.

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